Markus Kohler

Beate Kidd: Markus, du bist mit 17 von zuhause weg. Es ist jetzt nicht so ungewöhnlich, dass man mit 17 Jahren von zuhause auszieht, aber bei dir war es ja so, dass du es dort einfach nicht mehr ausgehalten hast, oder?

 

Markus Kohler: Ja, das stimmt. Das war so der Punkt an dem ich wusste, dass ich schwul bin und mir mein Vater deshalb das Messer an die Kehle gehalten hat. Wir haben damals in Baden-Württemberg gelebt und es war alles sehr konservativ und schwierig. Mein Vater hätte mich jedenfalls lieber tot als schwul gesehen. Meine Mutter hat sich immer auf die Seite des Vaters gestellt, sofern sie überhaupt etwas gemacht hat. Ich habe jetzt seit 4 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen und das ist gut so. Mir geht es besser so.

 

Beate Kidd: Wenn das damals alles so konservativ war, dann hat sich dein Vater also für dich geschämt?

 

Markus Kohler: Ja, hat er. Aber es war auch immer Alkohol mit im Spiel, so dass es eigentlich egal war um was es ging. Er war damals sogar als Führungskraft tätig, aber ohne meine Großeltern wäre er nichts gewesen. Ich konnte auch nie eine wirkliche Beziehung zu meinem Vater aufbauen. Er war Berufssoldat und nie da.

 

Beate Kidd: Dein Vater war also vor seiner Festanstellung bei der Bundeswehr? Wie alt warst du, als der dann regelmäßig zuhause war?

 

Markus Kohler: Da war ich ungefähr drei Jahre alt. Zuvor, als Soldat, war er nur an den Wochenenden zuhause, aber auch da war er schon nie wirklich für mich da.

 

Beate Kidd: Hat der Alkohol auch zu der Zeit schon eine Rolle gespielt?

 

Markus Kohler: Ja, immer.

 

Beate Kidd: Und deine Mutter? Hat sie auch getrunken?

 

Markus Kohler: Ja. Ihr war es einfach egal was mit mir passierte. Sie hat nie eingegriffen, wenn mein Vater mich im Heizungskeller verprügelt hat.

 

Beate Kidd: Wie alt warst du zu dem Zeitpunkt?

 

Markus Kohler: Ich war da drei Jahre alt. Es begann ab da, als er jeden Tag zuhause war. Ich musste wegen Nichtigkeiten in den Heizungskeller und dort hat er mich dann mit den unterschiedlichsten Gegenständen verprügelt. Er nahm, was ihm gerade in die Hände kam. z. B. Kleiderbügel.

 

Beate Kidd: Gab es denn niemanden an wen du dich hättest wenden können? Jemanden, der dir hätte helfen können?

 

Markus Kohler: Nein, nicht wirklich. Meine Oma Erna ist einmal in den Heizungskeller gekommen, als sie das mitbekommen hatte, und hat gesagt: „Jetzt ist Schluß!“ Meine Oma Erna war die Einzige, die mich gut behandelt hat, ihr war es auch egal, dass ich schwul war. Das spielte für sie keine Rolle. Oma Erna war super.

 

Beate Kidd: Hättest du dann nicht zu deiner Oma ziehen können?

 

Markus Kohler: Nee. Nee, Oma Erna hat im gleichen Haus gewohnt. Das hätte nichts gebracht.

 

Beate Kidd: Hast du noch Geschwister?

 

Markus Kohler: Eine jüngere Schwester, die drogenabhängig ist. Sie wohnt jetzt übrigens mit ihren Kinden in dem Haus, welches ich eigentlich von meiner Oma Erna hätte erben sollen. Aber das ist mir egal, sollen sie alle machen was sie wollen.

 

Beate Kidd: Hast du noch Kontakt zu deiner Schwester?

 

Markus Kohler: Nein, zu ihr habe ich auch keinen Kontakt mehr, weil: Ich habe irgendwann mitbekommen, dass sie bei unseren Gesprächen das Telefon auf laut gestellt hatte, damit meine Alten im Hintergrund mithören konnten. Und das geht mal gar nicht. Das war und ist auch heute noch so ein Vertrauensbruch für mich, das war echt der Hammer. Mit acht Jahren habe ich schon für sie gekocht. Da stand klein Markus schon am Herd und hat gekocht, damit wir Kinder überhaupt etwas zu essen hatten. Meine Eltern waren ja beide berufstätig.

 

Beate Kidd: Hat deine Mutter denn nichts für euch vorbereitet oder vorgekocht?

 

Markus Kohler: Nee. Nie. Ich habe mich um meine Schwester gekümmert, habe mich um uns gekümmert.

 

Beate Kidd: Wie war das Verhältnis deiner Schwester zu eurem Vater? Wurde sie auch geschlagen?

 

Markus Kohler: Meine Schwester? Nein. Geschlagen wurde nur ich. Meine Schwester war so das Nesthäkchen, ist sie bis heute noch. Bei ihr war alles anders. Mit ihr hat sich mein Vater z. B. auch hingesetzt und Aufsatz geschrieben. Aber auch da… Meine Schwester hat in dem Aufsatz irgendwas von unserem Vater geschrieben und er hatte dann rumgebrüllt, dass man „Papa“ mit zwei „p“ schreibt. Also „Pappa“. Als ich gesagt habe: „Nee, sie hat das schon richtig“, hat er mich mit starrem Blick angesehen und gesagt: „Geh in den Heizungskeller“. Dort hat er mich dann wegen dem „p“ wieder verprügelt.  

 

Beate Kidd: Markus, du hast vorhin erwähnt, dass deine Schwester drogenabhängig ist oder war.

 

Markus Kohler: Ist sie noch immer. Seit sie 16 ist, ist sie schwerst drogenabhängig. Ihre beiden Kinder übrigens auch.

 

Beate Kidd: Du hast die Schläge und die Situation zuhause sehr viele Jahre ausgehalten. Was war dann der entscheidende Punkt, dass du von dort abgehauen bist?

 

Markus Kohler: Hm naja. Damals war das ja alles so, dass meine Verlobung von meinen Eltern vorbestimmt worden war. Es war schon lange festgelegt mit welchem Mädchen ich mich verloben musste. Das hört sich jetzt zwar doof an, aber es gibt ja schöne Menschen und gibt weniger schöne Menschen. Und sie war wirklich schön. Damals haben alle gesagt, sie sieht aus wie Schneewittchen. Sie ist dann auch von mir schwanger geworden, hat aber, und das kann ich heute sagen, das Kind zum Glück verloren. Wirklich Gott sei Dank. Wie hätte das gehen sollen? Ein Kind in so einer Situation großzuziehen?

 

Beate Kidd: Wusste sie nicht, dass du schwul bist?

 

Markus Kohler: Doch schon. Bzw. sie dachte, ich sei bi.

 

Beate Kidd: Ok. Wie alt wart ihr beide da? Und wie ging es dann weiter?

 

Markus Kohler: Wir waren sechzehn – siebzehn. Ja, wie ging es weiter? Ich habe die Verlobung dann gelöst, es ging einfach nicht. Mein Vater hat mich dann wieder verprügelt. Dieses Mal dann auch richtig mit seinen Fäusten. Er hat richtig, richtig zugeschlagen.

 

Beate Kidd: Und da bist du dann abgehauen?

 

Markus Kohler: Ja. Ich bin dann nach Hannover. Dort hatte ich meinen ersten Freund. Der hat mich dann aber auch verlassen. Naja.

 

Beate Kidd: Wie ging es dir zu der Zeit?

 

Markus Kohler: Schlecht. Sehr schlecht. Mir ging es wirklich schlecht. Es ist für den ein oder anderen vielleicht schwer vorstellbar, aber ich habe zu der Zeit verschimmeltes Toastbrot gegessen. Die verschimmelten Stellen habe ich abgeschnitten und das andere habe ich gegessen. Irgendwas musste ich ja essen. Hin und wieder konnte ich mir einen Doseneintopf leisten, aber das war selten.  Da gab es allerdings diese Hausmeisterin, die hat das mit der Zeit mitbekommen, was bei mir los ist. Sie hat mir dann Gartenarbeiten übergeben und das hat mir auch richtig Spaß gemacht. So bin ich dann zu Essen gekommen. Es war zwar fast immer Dosenessen, aber das war ok. Nur heute esse ich das nicht mehr so gerne.

 

Beate Kidd: Aber du hattest zu der Zeit kein wirkliches Einkommen, oder? Hast du eine Ausbildung gemacht oder einfach nur so gearbeitet? Wie konntest du die Miete bezahlen?

 

Markus Kohler: Ich hatte damals, das waren ja noch D-Mark Zeiten, nur das Arbeitslosengeld. Mir selbst blieben zum leben einhundert Mark, der Rest ging für die Miete drauf. Ausbildungen habe ich sogar zwei gemacht. Ich habe erst bei den Gelben Seiten gearbeitet. Das waren fünf oder 6 tolle Jahre. Die Arbeit hat mir gefallen, hat mir wirklich Spaß gemacht. Danach habe ich noch eine Ausbildung zum Floristen gemacht.

 

Beate Kidd: Beides sehr unterschiedlich.

 

Markus Kohler: Nein, da ist gar nicht so viel Unterschied. Ich konnte auch bei der Verlagsarbeit sehr kreativ sein. Aber ich bin jemand, der immer Abwechslung braucht. Jetzt mit meiner Bücherkiste, den Lesungen und dem Bücher schreiben passt das. Das ist abwechslungsreich und mir wird nicht langweilig.

 

Beate Kidd: Hattest du, als du schon in Hannover warst, noch Kontakt zu deiner Familie?

 

Markus Kohler: Kontakt. Hm. Meine Eltern haben damals meine Schwester zu mir geschickt, weil sie nicht mehr mit ihr klargekommen sind. Sie ist dann auch zu mir und einer ihrer ersten Wege war der zum Bahnhof – Stoff besorgen. Ich weiß nicht, woher sie den Kontakt hatte, aber die haben sich ja auch damals schon alle untereinander gekannt. Sie kam jedenfalls dann wieder total stoned zu mir zurück – mit noch einem Typen im Schlepptau. Sie hat mich dann gefragt, ob der auch hier duschen, essen und schlafen kann. Ich habe nur gesagt: „Sag mal, hast du sie noch alle?“ Ich hatte ja selbst zu kämpfen und dann kam sie, noch dazu mit einem Typ. Heute lebt sie nur von Sozialhilfe, ist immer noch drogenabhängig – genau wie ihre Tochter und ihr Sohn. Den Kontakt zu meinen Eltern habe ich insgesamt 3x abgebrochen. Das letzte Mal vor vier Jahren und das ist auch wirklich gut so. Ich will einfach mit dieser, entschuldige, wenn ich das so sage, Scheiß-Familie nichts mehr zu tun haben. Ohne meine Großeltern wären sie nichts. Hätten keine zwei Häuser, keine Grundstücke, nichts. Mein Vater hat sich nie für etwas interessiert außer sich selbst, Alkohol und seine Bildzeitung. Etwas Anderes hat er auch nie gelesen. Er war eigentlich ein Nichts und hat alles nur meinen Großeltern zu verdanken.

 

Beate Kidd: Waren das seine Eltern oder die deiner Mutter?

 

Markus Kohler: Genau. Das waren seine Eltern. Mir haben sie noch vorgeworfen, dass ich nicht zu Oma Ernas Beerdigung gekommen bin. Aber ich habe das einfach nicht geschafft. Ich konnte da nicht hin. Da habe ich jetzt gleich schon wieder Pipi in den Augen. Für mich war es sehr schlimm, dass meine Oma gestorben war, aber ich konnte nicht zur Beerdigung, wenn alle dort waren. Mein Vater hat mich deshalb wieder einmal sehr beschimpft und mich in dem Fall verbal „geschlagen“. Er war immer sehr verletzend, egal auf welchem Wege. Ich bin dann später alleine zum Grab von Oma Erna und habe gesehen, wie lieblos das Grab gehalten war. Nach außen hin hatten sie wieder große Töne gespuckt, aber in Wahrheit, war ihnen auch hier alles egal. Auch das hat mir sehr weh getan.

 

Beate Kidd: Hast du als Jugendlicher eigentlich nie zurückgeschlagen, wenn dein Vater dich verprügelt hat?

 

Markus Kohler: Nein. Nein, habe ich nicht. Das würde ich nie machen. So bin ich nicht. Ich habe noch nie jemanden geschlagen und werde das auch niemals tun. Mit Worten ja, wenn der Andere intelligent genug dazu ist, aber ansonsten nicht. Das entspricht überhaupt nicht meinem Naturell. Egal was mir jemand antut – ich kann niemanden schlagen. Das geht nicht.

 

Beate Kidd: Wie hast du das alles verarbeiten können? Hast du eine Gesprächstherapie gemacht oder hast du nur immer alles mit dir selbst ausgemacht?

 

Markus Kohler: Keine Therapie. Ich habe immer alles mit mir selbst ausgemacht. Und dann habe ich ja auch meinen Heinz kennengelernt. Mit Heinz bin ich jetzt schon 16 Jahre zusammen und es waren bzw. sind wirklich 16 glückliche Jahre. Heinz hat mich aufgefangen, war immer an meiner Seite und hat mich von jeher unterstützt und mir geholfen – egal um was es ging. Heinz hat meine Eltern auch kennengelernt. Aber für sie war er nur ein Depp und es gab auch sehr böse Sticheleien Heinz gegenüber, die sehr verletzend waren. Solche Treffen liefen immer sehr scheinheilig ab, es gab aber immer ganz fiese, hinterfotzige Kommentare und Seitenhiebe. Es ist wirklich besser, wenn ich keinen Kontakt zu meinen Eltern habe. Ich habe damit abgeschlossen, mir geht es gut.

 

Beate Kidd: Es heißt ja immer, dass man vergeben soll um selbst in Frieden leben zu können. Konntest du deinem Vater vergeben?

 

 

Markus Kohler: Ich will einfach nichts mehr mit denen zu tun haben. Ich will in Ruhe leben und an nichts erinnert werden. Will einfach nur vergessen. Das ich jetzt hier, dir gegenüber, so darüber reden kann, ist für mich schon ein sehr großer Schritt. Aber wir haben jetzt nur einzelne Punkte angerissen, da ist ja noch viel mehr. Es ist so viel passiert. Meine Eltern haben nicht mal gewusst, dass ich zwei Ausbildungen gemacht habe. Als meine Schwester ihnen erzählt hat, dass ich Bücher schreibe, kam nur „Kein Interesse“ von ihnen. Weißt du, was ich sagen würde, wenn sie jetzt krank werden würden und Hilfe bräuchten? Ich würde auch nur sagen: „Interessiert mich nicht.“ Ich hoffe sehr, dass ich über all das mal ein Buch schreiben kann. Das habe ich immer noch im Kopf, das alles aufzuschreiben. Aber bis dahin habe ich noch ein Stück Weg zu gehen, das dauert noch. Allgemein habe ich aber abgeschlossen mit meinen Eltern, für mich existieren sie einfach nicht mehr. Allerdings habe ich bis heute noch Albträume, in denen mein Vater mich aufs Schlimmste verprügelt. 


Markus Kohler ist Inhaber von "Markus Bücherkiste", Gründer des Autorenstammtisches (AST), Herausgeber einer Anthologie-Reihe, Autor und Mitautor bei weiteren Anthologien und Buchprojekten. 


Du hast auch etwas Besonderes erlebt oder musst(est) unter bestimmten Umständen leben? Oder übst du vielleicht eine ehrenamtliche Tätigkeit aus und leistest Großartiges? Natürlich kann dein Rucksack auch mit ganz viel Glück, Liebe und positiver Lebensenergie gefüllt! Wenn du deine Geschichte erzählen möchtest, dann melde dich gerne bei mir.


Herzliche Grüße
Beate

Menschen, die vielleicht etwas Besonderes erlebt haben, die eine spezielle ehrenamtliche Tätigkeit ausführen, die unter bestimmten Umständen leben oder auch Tolles leisten etc.