Petra Weise

Beate Kidd: Petra, die Geschichte, die du zu erzählen hast, begann ja eigentlich schon 1976, als deine Tochter zur Welt kam. Die kleine Anett war von Geburt an krank – was ist damals genau passiert? Gab es einen Geburtsfehler?

 

Petra Weise: Nee, sie kam genau zum Termin am 29. Februar und wir haben noch ziemlich viel gelacht darüber. Mein Mann war damals Student und da wir nur wenig Geld hatten, haben wir gescherzt, dass wir ja nur aller vier Jahre Geburtstag feiern müssen. Als die Wehen damals einsetzten, lag Schnee und wir mussten den Weg zum Krankenhaus zu Fuß gehen. Ich habe die Kleine ja in der DDR entbunden und damals war es noch nicht so, dass man einfach einen Krankenwagen rufen konnte, weil fast keiner ein Telefon hatte. Der Weg zum nächsten Telefon war für uns weiter, als der Weg zum Krankenhaus. Wir sind also zum Krankenhaus gelaufen - was natürlich, wenn man Wehen hat, nicht sehr lustig ist. Durch den Schnee hatte ich auch noch zusätzlich Angst, dass ich wegrutsche. Wir hatten auch noch einen 3jährigen Jungen, der musste da einfach zuhause bleiben.

Beate Kidd: Wer er da dann ganz allein zuhause?

Petra Weise: Er war ganz alleine zuhause, ja.
Meine Schwiegermutter ist Hebamme und bevor wir los sind ins Krankenhaus, ist mein Mann erst zu ihr nach Hause gelaufen und hat ihr Bescheid gegeben, damit sie auch ins Krankenhaus kommt und die Entbindung macht. Die Geburt ging dann auch ganz schnell.

Beate Kidd: Wie weit war denn das Krankenhaus von euch entfernt? Wie weit musstet ihr gehen?

Petra Weise: Hm, so eine Viertelstunde etwa. Als die Kleine dann da war, sagte meine Schwiegermutter: „Ich muss dir was sagen. Ich kann sie dir nicht geben, sie ist schon in der Kinderklinik. Sie war gelb bei der Geburt.“ Ich habe geantwortet: „Na und? Dein Mann ist gelb, deine Tochter ist gelb …“. Also, das sind jetzt keine Chinesen, aber sie haben so eine gelbe Haut. Als Laie sieht man das nicht, aber die Ärzte haben die beiden immer angesprochen, dass sie doch was mit der Leber haben müssen und dass es untersucht werden müsse.
Wegen Anetts Haut habe ich mir dann auch nicht weiter Gedanken gemacht: „Sie hat doch nur die gelbe Haut geerbt. Weiter nichts.“ Aber die Ärzte haben insgesamt 4x das ganze Blut des neugeborenen Kindes ausgetauscht und sie dann nach Chemnitz in die Klinik gebracht. Ich habe sie gar nicht gesehen, mein Mann auch nicht. Damals war es auch so, dass Männer nur mittwochs und sonntags in die Klinik kommen durften. Chemnitz war 40 km von uns entfernt und wir durften sie dort nicht besuchen.

 

Beate Kidd: Aber hat man euch zu dem Zeitpunkt dann auch nicht gesagt, was die Kleine genau hat?

 

Petra Weise: Ja, scheinbar irgendeine Blutkrankheit. Was genau wussten sie noch nicht, das Blut war auf jeden Fall nicht so, wie es sein sollte. Und näher hat man sich nicht geäußert. Wir durften nicht zu ihr, wir durften sie nicht sehen. Sie war hinter einer Glasscheibe irgendwo ganz weit entfernt. Wir haben sie nicht gesehen.
Ungefähr drei Wochen nach der Geburt hat ein Arzt auf einmal zu meinem Mann gesagt: „Kommen Sie morgen und begleiten sie die Kleine nach Leipzig, sie muss in die Uniklinik.“
Am nächsten Tag haben sie ihm das Kind in den Arm gedrückt und gesagt, wir sollen draußen auf den Krankenwagen warten, der kommt dann schon. Erst hieß es, wir dürfen sie nicht sehen, weil das für sie den Tod bedeuten könnte und dann standen wir draußen im Schmutz, in Abgasen und haben gewartet, dass der Krankenwagen kommt. Das hat dann bis in den Nachmittag angedauert und es waren auch noch anderen Patienten in dem Krankenwagen. Das war quasi so ein Sammeltransport nach Leipzig. In Leipzig ist Annett dann 10 Monate geblieben.

 

Beate Kidd: Oh. War sie dann in Leipzig auf Intensiv oder auf einer ganz normalen Station? Konntet ihr sie da besuchen?

 

Petra Weise: Naja, besuchen schon. Sonntags und mittwochs konnten wir hinkommen, aber das war ein großer Schlafsaal. Ich weiß nicht, wie viele Kinder da genau drin waren. Vielleicht 30. Es standen immer 2-3 Mütter an der Tür zum Schlafsaal, in der Hoffnung ihrem Kind zuwinken zu können. Die Kinder waren ca. 5 Meter entfernt und saßen auf kleinen Stühlchen. Diejenigen, die schwer krank waren und auch die Säuglinge waren ganz hinten, die hat sowieso keiner gesehen. Man kann sich vorstellen, dass da auch mal ein Kind einen Anfall bekommen hat, wenn die Mama dasteht und man darf nicht hin zu ihr. Oder, dass auch eine Mutter hysterisch wurde, weil das einfach nicht zu ertragen war. Man kann sein Kind nicht in den Arm nehmen, nichts. Das war wirklich grauenhaft. Zugleich war diese Besuchszeit aber auch die einzige Zeit, in der man mit dem Arzt sprechen konnte. Immer mittwochs in dieser einen Stunde. Wenn also beide Eltern da waren, hat sich einer bei dem Arzt angestellt und der andere hat geguckt, ob er einen Blick auf das Kind erhaschen kann.

 

Beate Kidd: Es wollten da aber auch sicherlich immer alle mit dem Arzt sprechen, oder?

 

Petra Weise: Ja, natürlich. Es war wirklich sehr schwierig, das alles auszuhalten.

 

Beate Kidd: Das kann ich mir vorstellen. Gab es dann während der Zeit in Leipzig auch einen Namen für die Krankheit? Habt ihr Informationen über die Krankheit bekommen oder hieß es immer nur „warten“?

 

Petra Weise: Ja, ich weiß wie die Krankheit heißt: Disthermopoetische Hämolytische Anämie.
Die roten Blutkörperchen sterben viel zu schnell ab und damit das Blutbild wieder stimmt, produziert der Körper ganz schnell wieder neue Blutkörperchen nach. Dadurch hat man dann eigentlich viel zu viele rote Blutkörperchen, die aber trotzdem nicht ausreifen und dann den ganzen Körper vergiften, weil sie ja auch z. B. Eisen enthalten. Es wurden dann immer Leberpunktionen gemacht. Bei einem Säugling, wie Annett es war, haben sie das ganz schnell gemacht – das Baby wird einfach festgehalten, mehr nicht. Meistens wurdedas in einem Unihörsaal gemacht, damit die Studenten auch was lernen. Ich habe davon fürchterliche Albträume gehabt. Als meine Tochter dann ca. 1 Jahr alt war, hat man sie mir zum Sterben mit nach Hause gegeben. Da war sie knapp 5 kg schwer. 5 kg mit einem Jahr.

 

Beate Kidd: Wurde euch wirklich gesagt, dass ihr sie mitnehmen sollt, weil die Ärzte nichts mehr tun können? Also wirklich: „Nehmt sie zum Sterben mit nach Hause?“

 

Petra Weise: Ja. Sie haben nur gesagt, dass sie nicht wissen, wie lange es noch dauert und sie können da jetzt auch nichts machen, ihr auch kein Medikament geben. Sie können nur immer wieder das Blut untersuchen. Dafür mussten wir aller 3 Wochen mit dem Zug nach Leipzig fahren. Auto hatten wir keines. Im Osten musste man damals mindestens 8-10 Jahre auf ein Auto warten.

 

Beate Kidd: Petra, hat man da denn da noch Hoffnung? Zu DDR Zeiten waren die Möglichkeiten ja doch deutlich begrenzter als im Westen. Kämpft man da noch oder nimmt man dann alles nur noch so hin?

 

Petra Weise: Das stimmt, dass wir im Osten nicht sehr viele Möglichkeiten hatten. Die Ärzte hatten ja nicht viel mit uns gesprochen. Ich wusste aber, dass Anett nicht abnehmen durfte. Denn dann würde es nicht mehr lange dauern. Ich habe dadurch versucht, alles Mögliche in sie reinzustopfen. Leider war sie aber auch ein ganz schlechter Esser. Eine Mahlzeit hat schon so ca. 1 Stunde gedauert und das hat mich schier zur Verzweiflung gebracht. Ich hatte immer Angst und dachte: „Wenn sie mir das nicht schluckt, dann stirbt sie mir“. Ich war immer irgendwie in Panik.

 

Beate Kidd: Das ist auch absolut nachvollziehbar. Wie ging es dann weiter?

 

Petra Weise: Sie fing schnell an zu plappern. Schwierig war das anfassen. Sie hatte da vermutlich immer Angst, dass man ihr weh tut, wenn man sie anfasst. Ihr hat ja praktisch die gesamte Lebensbasis gefehlt. Ich hatte jetzt, nach so vielen Jahren, Gespräche mit Psychologen, die sagen, ich hätte damals nichts anders machen können. Die Zeit, das erste Jahr, war für das Kind verloren, das kann man nicht mehr rückgängig machen. So sehr man sich bemüht oder wenn ich auch noch liebevoller gewesen wäre oder ruhiger oder weniger panisch, es wäre trotzdem nicht besser geworden.

 

Beate Kidd: War sie dann von der Entwicklung her, bis auf das Gewicht, ganz normal?

 

Petra Weise: Ja. Sie hat sich wirklich wunderbar entwickelt. Sie konnte gut sprechen, hat dann auch ganz normal mit anderthalb angefangen zu laufen. Aber sie war halt sehr schwach. Lange stehen und gehen, das ging nicht so gut. Wir haben sie deshalb viel getragen. Was eigenartig war: Sie hatte so silberweiße Haare. Mein Mann hat schwarze Haare, ich dunkelbraune und unser Sohn André ist auch dunkel. Wir haben uns schon auch gewundert, wussten aber nicht woher das kommt.

 

Beate Kidd: War das vom Blut her? Irgendwas mit der Pigmentierung?

 

Petra Weise: Das weiß ich nicht, ich habe keine Ahnung und vermute eher einen Schock.
Irgendwann hat uns der Arzt in Leipzig geraten, dass wir versuchen sollten, nach Berlin zu kommen. In Berlin sei die Versorgung besser. Dort gäbe es auch Obst zu kaufen, was wir in Freiberg nicht hatten. Er erklärte uns, dass die Kinderklinik in Berlin-Buch einen sehr guten Ruf und auch entsprechende Fachärzte hat und wenn es was für uns gibt, dann in Berlin.
Wir sind dann mit Sack und Pack zu einer alten Dame nach Berlin gezogen und haben ein Zimmer in ihrer Wohnung belegt. Das zweite Zimmer hatte die Frau selbst, das dritte eine Stewardess. Wir haben die alte Dame versorgt, damit sie uns weiter dort wohnen lässt. Ansonsten hätten wir keine Chance gehabt, in Berlin zu wohnen. Wir waren zu viert in dem einen Zimmer und sind folglich nicht mehr Leipzig gefahren, sondern nach Berlin-Buch. Dort hat man uns gesagt, dass es die Möglichkeit gibt, der Kleinen die Milz zu entfernen, wenn sie 6 Jahre alt werden würde. Was sie aber nicht glauben. Durch die Entfernung der Milz hätte es sein können, dass ihr Körper besser zurechtkommt. Der Arzt in Berlin-Buch hat noch erwähnt, dass sie ein Medikament hätten, aber das sei ein Kontingentmittel. Also ein Medikament, welches im Westen für Devisen beschafft werden musste. Dafür gab es eine lange Warteliste und es war auch nicht so einfach, auf diese Liste zu kommen. Unsere Anett wäre dann zu dem Zeitpunkt praktisch das Schlusslicht gewesen und nachgerückt, sobald die vorderen entweder genesen oder gestorben waren. Jetzt hatte ich natürlich neue Panik. Anett war zu dem Zeitpunkt 3 Jahre alt, noch 3 Jahre gab der Arzt ihr nicht. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich machen sollte. Mein Mann und ich sind dann zum Ministerium für Gesundheitswesen und haben gesagt, dass sie uns bitte helfen und dieses Kontingentmittel besorgen sollen. Da haben die auf eine Liste geguckt und gefragt, was wir von Beruf sind. Ich habe gesagt: „Ich arbeite in der Bibliothek einer medizinischen Fachschule und mein Mann ist Ingenieur und arbeitet im Patentamt.“ Zur Antwort bekam ich: „Wissen Sie gute Frau, Sie haben keinen bevölkerungsbedarfsgerechten Beruf und somit kommt ihr Kind überhaupt nicht auf die Liste.“
Wir hatten also nicht den richtigen Beruf. Ich habe gedacht, ich dreh durch.

 

Beate Kidd: Ingenieur ok. Aber was wäre denn dann ein „richtiger“ Beruf?

 

Petra Weise: Na, Arbeiter. Wir haben dann ganz schnell begriffen, dass das alles nicht so toll ist, wie sie uns das in der Schule beigebracht haben. Dass die DDR eben doch nicht alles tut für die Kinder, für die Gesundheit, für die Ausbildung. Anetts Krankheit und das fehlende Medikament war für uns der Auslöser alles viel kritischer zu betrachten.

 

Beate Kidd: Ich habe nochmal einen kurzen Sprung zurück, Petra. Als das mit Berlin losging, seid ihr da immer alle 3 Wochen nach Berlin gefahren oder direkt dorthin gezogen?

 

Petra Weise: Wir sind direkt hingezogen und haben bei der alten Dame in dem einen Zimmer gewohnt.

 

Beate Kidd: Wie konntet ihr das beruflich vereinbaren?

 

Petra Weise: Mein Mann hat in Berlin eine Stelle im Patentamt bekommen. Das ist zu DDR Zeiten sehr schwierig gewesen, denn man musste delegiert werden. Für ein Ministerium ist es leicht, die sagen, dass der Mann gebraucht wird und dann muss der Arbeitgeber ihn freistellen. Bei mir war das auch so. Ich habe in der Bibliothek der medizinischen Fachschule gearbeitet, in der auch die ganzen Profisportler betreut wurden.

 

Beate Kidd: Und dann war also der Entschluss ziemlich nahe, dass ihr weg wolltet aus der DDR, wenn ihr da keine Unterstützung bekommt.

 

Petra Weise: Genau. Wir wollten dahin, wo es das Medikament gibt. Wir wussten zwar, dass im Westen alles einen Haufen Geld kostet und dass man dort böse zu Kindern und auch Medizin sehr teuer ist, aber wir haben gedacht, dass sich ein Weg finden wird. Naja. Wir sind dann einfach mit unseren Kindern nach Bulgarien geflogen und haben gemeint, wir könnten dort unbemerkt über die Grenze wandern. Aber das hat natürlich nicht funktioniert.

 

Beate Kidd: Aber die Einreise nach Bulgarien war problemlos, oder?

 

Petra Weise: Die war problemlos. Wir hatten einfach angegeben, dass wir als Touristen Urlaub machen wollten und sind eben dorthin geflogen. Bulgarien war ja ein sozialistisches Land, da gab es keine Probleme. Es war allerdings schwierig, ein Hotelzimmer zu bekommen. Die wollten alle Westgeld und wir hatten nur Ostgeld.

 

Beate Kidd: Habt ihr dann in einer Nacht- und Nebelaktion versucht in den Westen zu kommen, oder wie lief das ab?

 

Petra Weise: Wir sind in Bulgarien in den Zug gestiegen und haben gemeint, wir könnten von Sofia aus Richtung Süden fahren und von dort los wandern. Wir dachten, dass im Süden die Leute nicht so streng sind wie die Deutschen und wir da schon irgendwie durchschlüpfen könnten. Mein Bruder hatte in Bulgarien mal Urlaub gemacht und uns erzählt, dass man die andere Seite sehen könne und da auch gar keine Grenzkontrollen wären. Das haben wir natürlich geglaubt, man konnte sich ja auch nirgends erkundigen. Naja, aus dem Zug haben sie uns erst einmal wieder rausgeholt, denn wenn eine junge Familie mit einem blonden Kind Richtung Süden fährt, ist wohl alles klar. Wir sind dann von dort aus gelaufen.

 

Beate Kidd: Aber wart ihr da schon grenznah, als sie euch aus dem Zug geholt hatten?

 

Petra Weise: Nee, da waren wir noch nicht grenznah. Wir sind aber wirklich bis an die Grenze gekommen. Immer mit der Angst, dass uns jemand sieht, dass uns jemand verrät. Die Kleine hatten wir auf dem Arm, Gepäck hatten wir keines.

 

Beate Kidd: Dein Sohn war damals sechs, wenn ich jetzt richtig mitgerechnet habe, oder?

 

Petra Weise: Genau, der war sechs und ging auch schon in die 1. Klasse. Er ist tapfer mitmarschiert.

 

Beate Kidd: Wie lange oder wie weit seid ihr gegangen?

 

Petra Weise: Das waren 2 Tage und 1 Nacht.

 

Beate Kidd: Wahnsinn. Mit zwei kleinen Kindern.

 

Petra Weise: Ja. Das war schon grenzwertig. Wir wussten das nicht besser, wir wussten auch nicht, wie man aus der Situation wieder rauskommt. Hätten wir das vorher alles gewusst, dann hätten wir uns auch anders verhalten. Aber wir haben ja geglaubt, wir müssten das tun, um unser Kind zu retten. Dass wir damit 4 bzw. 5 Leute, mein Bruder war auch dabei, in Gefahr gebracht haben, war uns damals nicht klar. Heute denk ich mir, dass ich nie dumm gewesen bin, aber in dem Moment wahrscheinlich doch. Meinen Bruder hatten wir informiert, da er schon von Bulgarien und der Grenze gesprochen hatte. Wir mussten ihm das einfach sagen. Ihn hätten sie auf jeden Fall eingesperrt, wenn uns die Flucht geglückt wäre.

 

Beate Kidd: Naja, ich denke die Sorge um das Kind hat einfach alles andere überlagert. Das ist ja das einzige was in so einem Moment wirklich zählt.

 

Petra Weise: Ja, das hatte Priorität und alles andere ist dahinter verschwunden.

 

Beate Kidd: Habt ihr es dann wirklich bis zur Grenze geschafft?

 

Petra Weise: Ja. Wir sind durch den Zaun gekrabbelt, weiter durch den Wald gelaufen und hatten gedacht, wir wären schon über die Grenze. Bis wir dann Schüsse hörten. Es kamen auch Hunde und dann hatte man uns gestellt.

 

Beate Kidd: Aber ihr wart in dem Sinn schon auf der anderen Seite?

 

Petra Weise: Naja, das war im Niemandsland. Zwischen Bulgarien und dem damaligen Jugoslawien ist wohl ein kilometerbreiter Streifen, der Niemandsland ist. Das wussten wir damals natürlich nicht, denn es gab für uns ja keine Karten für dieses Gebiet.

 

Beate Kidd: Wurden die Kinder dann zu dem Zeitpunkt von euch getrennt oder wurdet ihr alle zusammen irgenwohin mitgenommen?

 

Petra Weise: Man hat uns in so einen Armee Jeep gestopft und dann ging über die Berge zurück nach Sofia. Ich habe gegen die Wand getrommelt, weil ich dachte, meine Kinder gehen ein. Wir hatten kein Wasser und die Hitze in diesem Blechauto - das war nicht zu ertragen. Die haben schließlich angehalten und uns was zu trinken gegeben. Als wir dann wieder in Sofia waren, wurden die Männer inhaftiert und ich durfte mit den Kindern zu einer Frau in eine private Wohnung. Mir wurde gesagt, dann und dann geht der Flieger und damit muss ich mit den Kindern zurück.

 

Beate Kidd: Mit dem Flieger zurück in die DDR?

 

Petra Weise: Ja, zurück nach Ost-Berlin. Mir war klar, dass ich auch verhaftet bin, nur hatten sie dort wahrscheinlich keine Möglichkeit, etwas wegen der Kinder zu unternehmen. Aber diese Frau hatte ein Telefon und da konnte ich von Sofia aus in Berlin anrufen. Ich habe ihr alles Geld gegeben, das ich dabei hatte. Das DDR Geld und auch das bulgarische Geld. Alles. Ich habe sie angefleht, mich telefonieren zu lassen. Ich habe meine Freundin in Berlin erreicht und ihr gesagt, dass wir verhaftet worden sind. Meine Freundin sollte meinen Eltern Bescheid geben, damit sie die Kinder abholen, weil mir klar war, dass sie mir diese abnehmen werden. Am nächsten Tag bin ich dann mit den Kindern zum Flughafen und wir sind zusammen zurückgeflogen. In Berlin-Schönefeld sind wir dann abgefangen worden. Meine Kinder wurden in ein Heim gebracht und ich inhaftiert.

 

Beate Kidd: Hattest du zu dem Zeitpunkt dann irgendwelche Informationen zu deinem Mann und Bruder?

 

Petra Weise: Nee, die waren ja in Bulgarien, die haben einem nichts gesagt, da hat man nichts erfahren. Sie haben mir nur mitgeteilt, dass so eine Sache, wie wir sie verbrochen haben, mit bis zu 5 Jahren bestraft werden kann und dass die Kinder auf jeden Fall weg sind. Dass wir kein Anrecht mehr auf die Kinder haben. Tja, und da saß ich dann. Ich dachte, ich komme mit Mördern oder sonstwem zusammen, aber das war dann nicht so. Ich wusste damals noch nicht, dass es Sonderanstalten für Republikflüchtlinge gab. Also, dass die Stasi eigene Untersuchungshaftanstalten hatte, das wusste ich damals noch nicht.

 

Beate Kidd: Das ist jetzt vermutlich eine doofe Frage, aber was geht da in einem vor? Kann man da überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen?

 

Petra Weise: Nee. Ich wusste nicht, was mit mir passiert. Ich hatte dann irgendwelche Wahnvorstellungen, habe gedacht, dass mir was getan wird. Es weiß ja keiner, dass ich da drin bin. Ich hatte einfach Angst um mich, Angst um mein Leben. Es war ja keiner da, der mit mir gesprochen hat.

 

Beate Kidd: Waren das dann Einzelzellen? Warst du komplett isoliert oder warst du in einer Sammelzelle?

 

Petra Weise: Ich war 10 Tage ganz allein und dann kam eine Frau zu mir. Die war auch republikflüchtig mit zwei Kindern im Auto. Die Kinder waren ebenfalls weg und sie hatte genau so wenig Ahnung wie ich. Wir haben uns gegenseitig noch mehr aufgeregt, weil es keine Erklärung, keine Vernehmung, nichts gab. Es wusste keine von uns, was passiert.

 

Beate Kidd: Also in den 10 Tagen keine einzige Vernehmung?

 

Petra Weise: Nein. Nein. Keine Vernehmung. Ich habe da drin geseßen, durch eine Klappe kam das Essen. Einmal am Tag wurden wir raus gelassen in so eine Freiluftzelle. Also auch eine Zelle, aber ohne Dach. Da lief immer einer oben und hat uns bewacht. Man konnte Flugzeuge hören und manchmal auch sehen. Aber ansonsten war es still und man hat nichts gesehen. Gar nichts.

 

Beate Kidd: Wann gab es dann das erste Mal wieder Kontakt zu irgendjemanden außer zu dieser Frau?

 

Petra Weise: Das war dann tatsächlich eine Vernehmung, aber ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit bis dahin vergangen ist. Bestimmt drei Wochen oder so. Der Vernehmer war sehr streng. Ich habe nach meinen Kindern gefragt und er hat gesagt, ich soll erst einmal einen Anwalt auswählen. Er gab mir eine Liste, aber ich hatte ja keine Ahnung, wer für meinen Fall passen würde. Ich habe den Vernehmer gefragt, aber er hat nicht mit mir gesprochen. Ich habe auf der Liste einen Anwalt entdeckt, der in Pommern geboren war. 1927. Da habe ich mir gedacht, den nehme ich, weil auch mein Vater 1927 in Pommern, also Polen geboren war. Das war der Rechtsanwalt Vogel, der einzige Anwalt von ca. 50 Adressen auf der Liste, der sich überhaupt um solche Sachen gekümmert hat. Das war so ein Zufall. Ich habe hinterher gedacht, das kann eigentlich gar nicht wahr sein, aber es war so.

 

Beate Kidd: Das war definitiv Glück im Unglück. Was wurden dir dann bei der Vernehmung für Fragen gestellt? Es war ja klar, was vorgefallen war. Was wird da gefragt?

 

Petra Weise: Ich habe alles angegeben wie es gewesen war, es hatte ja auch keinen Sinn, irgendetwas zu leugnen. Ich habe auch gesagt, dass ich in den Westen will und warum. Was sollte ich auch groß reden, für mich war die Sache ja klar.


An einem Tag wurde ich geholt und es hieß: „Ihre Tochter kommt jetzt ins Krankenhaus. Ihre Mutter war da und hatte Ihre Tochter dabei. Sie muss jetzt ins Krankenhaus und wenn die Untersuchung beendet ist, wird sich herausstellen, ob sie operiert werden muss oder ob sie wieder mit nach Hause kann.“ Ich habe mich erst einmal gefreut, dass meine Mutti die Kleine wirklich hat. Bis dato hatte ich das nicht gewusst, weil mir zu den Kindern nie was gesagt worden ist. Für den Moment war ich total glücklich. Der Vernehmer hat mir dann noch versprochen, dass meine Mutter am Nachmittag wiederkommen würde und mir alles erzählt. Aber es wurde Nachmittag, es wurde Abend und ich wurde nicht geholt.
Irgendwann kam ich dann zu einer anderen Frau in die Zelle. Das war eine Verrückte, die sprach immer nur in Babysprache. Sie hat mich noch nervöser gemacht. Dann haben sie mich wieder mal geholt und mich eine Zelle gesperrt, die vielleicht einen halben m² groß war. Da war nur ein Stuhl und ringsrum Wände. Ich dachte, wenn jetzt der Stuhl weggeht, dann falle in eine tiefe Grube. Ich war da überhaupt nicht mehr normal. Es roch nach Medizin. Als ein Offizier im weißen Kittel kam, dachte ich, das ist jetzt vielleicht der Warteraum und die nehmen mir vielleicht Blut ab, weil die Anett das braucht. Ich weiß nicht, ob ich dort 3 Minuten oder 3 Stunden drin war, ich habe wirklich gedacht, jetzt ist meine letzte Minute da.  Von Anett hat mir keiner was erzählt, ich wurde dann einfach so wieder in eine Zelle geschlossen.

 

Beate Kidd: Aber was hat der Offizier im Arztkittel dann gemacht?

 

Petra Weise: Der hat nur reingeguckt zu mir, damit ich sehe, ich bin jetzt hier bei einem Arzt. Das hat mich natürlich noch mehr verängstigt. Er hat die Tür dann wieder zugemacht und ist gegangen.

 

Beate Kidd: Also schon sehr psycho.

 

Petra Weise: Ja. Da waren noch mehr solche Sachen, und im Nachhinein weiß ich gar nicht mehr, wie ich das überlebt habe. Aber ich bin dann auch durchgedreht. Ich konnte nicht mehr aufstehen, konnte mich nicht mehr bewegen, konnte nicht mehr essen. Ich dachte, die vergiften mich, weil sie mir auch noch Tabletten gebracht hatten. Ich war wirklich völlig fertig. Bis ich mir ein paar Tage später gedacht habe: Ob die Kleine jetzt stirbt, schon gestorben ist oder noch lebt – im Prinzip kann ich da drin nichts machen. Das ist mir klar geworden. Und genau an diesem Tag haben sie mich geholt und mit meinem Mann zusammengebracht.
Als ich gesehen habe, wie sehr mein Mann da am zittern war, war mir klar, dass sie ihm sonst was erzählt hatten. Ich habe angefangen zu scherzen und habe gesagt: „Ach, du hast ja einen Blaumann an. Darfst du hier arbeiten oder sitzt du auch nur so sinnlos rum wie ich?“ Da ist der Aufpasser ausgeflippt und hat uns richtig angeschrien. Mein Mann wurde dann gleich wieder weggebracht, aber von da an konnten wir uns schreiben.

 

Beate Kidd: Aber ihr habt dann zumindest gewusst, dass der jeweils andere noch am Leben ist. Wie viel Zeit ist bis dahin vergangen gewesen? Wie lange warst du da schon inhaftiert?

 

Petra Weise: Das müssen dann schon ca. 3 Monate gewesen sein.

 

Beate Kidd: Und von deinem Sohn hattest du gar nichts gehört?

 

Petra Weise: Naja, mir war schon klar, wenn Anett bei meiner Mutti ist, dass dann auch André dort ist. Meine Eltern waren beide sehr gute Parteigenossen. Meine Mutti war Pionierleiter und mein Vater in der Betriebsparteileitung. Sie sind damals sofort nach meinem Anruf nach Berlin gefahren und haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Kinder zu bekommen. Erstmal, um zu erfahren, wo die Kinder überhaupt sind und zu erreichen, dass sie die Kinder rausholen können. Das rechne ich meinen Eltern derart hoch an. Die haben meine Tat, mein Verbrechen nie begriffen und auch nie gutheißen können, aber sie haben sich um die Kinder gekümmert. Das war für mich so eine Erleichterung. Ich wusste, es geht ihnen gut. Meine Eltern kümmerten sich, die Kinder hatten ein gutes Zuhause und ich konnte diesbezüglich total beruhigt sein.

 

Beate Kidd: Wie lange warst du insgesamt inhaftiert?

 

Petra Weise: Insgesamt ein Jahr. Mein Mann auch. Mein Bruder hat noch etwas länger sitzen müssen. Ich weiß aber nicht, woran das lag. Es war aber nicht sehr viel länger.

 

Beate Kidd: Wie kam es dann zu eurer Freilassung?

 

Petra Weise: Wir sind von der Bundesregierung direkt aus dem Gefängnis freigekauft worden. Also richtig aus dem Knast ins Auto, ins Übergangslager. Lager ist gut gesagt. Das war ein kleiner Raum für vielleicht 9 Leute und dort haben wir dann geschlafen. Ohne Fenster, aber das war dann nicht mehr so schlimm, weil man wusste, dass es rüber in den Westen geht. Das war 1981. Da habe ich dann auch meinen Mann das erste Mal wiedergesehen.

 

Beate Kidd: Ihr hattet euch also außer dem einen Mal nach 3 Monaten Haft nicht wiedergesehen?

 

Petra Weise: Nee, das ist nicht gegangen. Ich habe in Hoheneck gesessen, im Frauenzuchthaus und mein Mann in Brandenburg. Allerdings hatten wir einmal einen „Sprecher“, so hieß das. Da ist ein Lastwagen voller Frauen nach Brandenburg gebracht worden, um dort die Angehörigen zu besuchen. Also die Männer, die auch inhaftiert waren. Da habe ich ihn auch noch einmal gesehen.

 

Beate Kidd: Ok. Wahnsinn. Wie ging es dann weiter? Ihr wart dann ja im Westen, die Kinder noch im Osten.

 

Petra Weise: Ja genau. Wir wollten gerne nach Bayern. Davon wurde uns aber abgeraten, wir würden nur vom Regen in die Traufe kommen, wenn wir da keine Verwandtschaft hätten. Aber ich hatte ja Verwandte im Westen, nur hatten wir nie Kontakt gehabt. Das haben meine Eltern nie gewollt, ich kannte da niemanden. Ich hätte auch nie gewagt, da jemanden aufzusuchen bzw. habe ich auch gar nicht gewusst, wie alle genau mit Nachnamen heißen oder wo sie genau wohnen. Wir haben dann eine Fahrkarte nach Hessen bekommen und eine Zuweisung in ein Wohnheim. So sind wir in Offenbach gelandet.

 

Beate Kidd: Gab es dann dort in dem Wohnheim eine Art Sozialarbeiter, der euch dann weitergeholfen hat?

 

Petra Weise: Nee. Die haben uns das Zimmer aufgeschlossen und uns gezeigt, wo die Küche und die Toilette ist. Ich habe dann gefragt: „Und wann gibt es Essen?“ Da hat der mich angeguckt und gesagt: „Dann, wenn ihr euch was kocht. Geld genug habt ihr ja.“ Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte. Ich hatte keine Tasse, keinen Kochtopf, keine Spaghetti und ich wusste überhaupt nicht, was ich jetzt tun sollte.

 

Beate Kidd: Woher hattet ihr dann das angesprochene Geld?

 

Petra Weise: Wir haben Begrüßungsgeld bekommen. Die Fahrkarte hat uns auch nichts gekostet, die wurde uns so gegeben, aber der Mann von dem Heim wollte gleich 90 Mark für das Zimmer haben. Wir hatten nur dieses Geld und da war uns klar, dass wir umdenken müssen. Wenn man so aus der Haft kommt, ist man gar nicht fähig, alleine einen Lichtschalter zu betätigen oder alleine auf die Toilette zu gehen. Wenn man mit 18 Frauen zusammen ist, 2 Klos zur Verfügung hat und man bekommt eine über gebraten, wenn man nicht schnell genug seinen Hintern von der Schüssel bekommt, hinterlässt das schon Spuren. Da waren wir wirklich ein bisschen geschädigt. Wir sind Hand in Hand ins Nachbarzimmer gegangen und ich habe vor der Tür gewartet bis mein Mann fertig war, damit wir wieder zusammen zurückgehen konnten. Wenn im Flur das Licht anging, standen wir vor Schreck neben dem Bett. Das hat eine ganze Weile gedauert, bis sich das gelegt hat.

 

Beate Kidd: Konntet ihr dann schnell Kontakt zu deinen Eltern wegen der Kinder aufnehmen?

 

Petra Weise: Wir haben geschrieben und versucht zu telefonieren. Telefonieren war auch da noch nicht ganz so leicht. Man musste ein Telefonat anmelden und dann stundenlang warten, bis das durchgestellt wurde. Vom Wohnheim aus ging das nicht. Das war erst möglich, als wir eine eigene Wohnung und ein eigenes Telefon hatten.

 

Beate Kidd: Habt ihr euch die eigene Wohnung dann selbst gesucht?

 

Petra Weise: Ja. Wir hätten zwar eine Sozialwohnung haben können, aber da hat uns das Umfeld nicht so gut gefallen und somit haben wir uns selbst eine Wohnung gesucht. Das war auch ganz witzig, weil damals haben sie mit Frauen keine Verträge gemacht. Da hieß es, es muss der Mann vorbeikommen. Ich war das gar nicht gewöhnt, ich hatte auch zuhause alles geregelt. Ich dachte, wenn ich jetzt zum Makler gehe und dem sage, was ich will, springt der schon. Wir haben dann eine schöne Wohnung gefunden und auch darauf geachtet, dass dort ein Spielplatz und eine Schule ist. Mein Mann hat dann auch eine Arbeit gefunden. Anfangs hatten wir Komplexe. Wird die Ausbildung anerkannt? Wollen die überhaupt so jemanden aus dem Osten in der Firma haben? Zunächst kamen viele Absagen, damit kann man nicht so leicht umgehen. Doch das hat sich dann gegeben. Wir haben auch beide den Führerschein gemacht. Mein Mann, als Serviceingenieur, hat den Führerschein für seine Arbeit gebraucht. Auch konnte er so nachweisen, dass er genügend Einkommen hat, um jeden Monat die Miete zu bezahlen.

 

Beate Kidd: Wann sind dann die Kinder wieder zu euch gekommen?

 

Petra Weise:  Das hat noch volle 8 Monate gedauert. Das war auch ganz reizend. Wir hatten ja keine Möbel. Wir hatten erst nur eine Plastiktüte mit der Wechselwäsche, die uns die Caritas gegeben hat. Da hatte jeder einen Pullover, eine Hose, einen Rock und Unterwäsche bekommen. Und wir hatten das, was wir am Leib trugen. Mehr hatten wir nicht dabei. Und natürlich das, was wir uns im Wohnheim gekauft hatten. Einen Topf, zwei Tassen und so. Damit sind wir in eine Dreizimmerwohnung gezogen. Wir haben uns in einem Möbelhaus umgeguckt und dort war ein total netter Inhaber. Er hat gleich alles aufschreiben wollen, was wir so brauchen. Der war natürlich glücklich, weil wir ja alles brauchten. Die Küche war eingerichtet, aber wir brauchten Kinderzimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Einige Sachen waren auf Lager, andere wollte der Herr uns sofort bestellen und liefern. Da bin ich knallrot angelaufen und habe gesagt: „Sie, wir haben überhaupt kein Geld. Wir können was beantragen, das wissen wir. Es kommt Geld, aber wir wissen nicht genau wie viel und auch nicht wann.“ Wir bekamen so eine Art Hausratsentschädigung. Ich weiß jetzt nicht mehr, wie viel das war. 1500 Mark oder so. Und es gab noch eine Entschädigung von der Flüchtlingsstelle. „Ok. dann notiere ich das alles und lagere die Möbel bei mir hier ein. Ihr seid ja gerade erst hergekommen, da werdet ihr nicht gleich wieder davonlaufen.“ Wir sind dann ganz verlegen raus geschlichen. Mir war das so peinlich, so dermaßen peinlich. Wenige Wochen darauf, kurz vor Weihnachten, kam der Mann plötzlich zu uns und hat gesagt: „Ich habe eure Möbel dabei. Hier weiß ich wenigstens, wer darauf schläft und sitzt. Ich komm dann schon an mein Geld, da bin ich ganz ruhig.“ Er hat uns tatsächlich die Möbel geliefert und mit seinen Mitarbeitern aufgebaut. Wir hatten noch kein Teil davon bezahlen können, aber haben dann alles nach und nach abbezahlt. Ihn habe ich dann auch in meinem Buch verewigt, weil man solche Menschen nicht vergisst. Heute führt der Sohn das Geschäft und sie machen das immer noch so. Sie sind immer gut damit gefahren und sind kein einziges Mal enttäuscht worden und haben ihr Geld immer bekommen.

 

Beate Kidd: Zum Glück gibt es auch solche Menschen. Aber es musste ja auch etwas vorwärts gehen, denn für die Kinder sollte ja alles passen, oder?

 

Petra Weise: Meine Eltern sind bearbeitet worden, die Kinder nicht rauszugeben. Man hat ihnen nahegelegt, die Kinder zu behalten und nicht ins Feindesland zu lassen. Meine Mutter war auch nahe dran, aber hat sich von meinem Vater überzeugen lassen, dass es so nicht geht und sie die Kinder rausrücken soll. Sie war Lehrerin in einem kleinen Dorf und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie noch eine ruhige Minute gehabt hätte. Sie hat dann schweren Herzens unterzeichnet und sich verpflichtet, die Kinder den Eltern zu übergeben.

 

Beate Kidd: Aber es ja schon verrückt, dass man unterzeichnen muss, dass man Kinder an die eigenen Eltern gibt.

 

Petra Weise: Ja. Das ist es auch. Aber, wenn die eine Frau so unter Druck setzen … Meine Mutti war ja eh schon überzeugt davon, dass wir einen Fehler gemacht hatten und wir jetzt ganz schlimm leben werden. Also, das ist ihr schon sehr schwer gefallen.

 

Beate Kidd: Habt ihr die Kinder dann geholt oder wurden sie rübergebracht?

 

Petra Weise: Ich habe sie mit dem Zug geholt. Das war auch was. Ich habe ein Telegramm bekommen von jetzt auf gleich und bin sofort mit dem Zug losgefahren. An der Grenze haben sie mich aus dem Zug geholt und in einen kleinen Raum gesperrt. Mir war klar, dass ich jetzt wieder verhaftet bin. Ich war völlig außer mir, habe aber nach außen hin versucht, ruhig zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen. Sie haben mich in den Gegenzug gesteckt und ich bin wieder zurück nach Frankfurt gefahren.

 

Beate Kidd: Oh Gott.

 

Petra Weise: Ich habe versucht, beim Ministerium anzurufen, aber es war immer nur der Anrufbeantworter dran: „Sie rufen an unserem telefonfreien Tag an. Versuchen Sie es morgen erneut.“ Ich wusste nicht, wo ich hinrennen sollte, ich war so außer mir.  Mein Mann war gerade am Bodensee auf Schulung, ich habe ihm telegrafiert: „Bin wieder da. Ohne Kinder.“ Über einen Anwalt habe ich dann erreicht, dass der mit dem Ministerium spricht und dann bekam ich am gleichen Tag das gleiche Telegramm noch einmal. Nur mit dem Datum um einen Tag verschoben. Da bin ich dann, so verheult wie ich war, wieder zum Bahnhof und habe mir eine neue Fahrkarte gekauft und bin wieder in den Osten gefahren.

 

Beate Kidd: Aber dann durchgekommen, oder?

 

Petra Weise: Ja, da bin ich durchgekommen.

 

Beate Kidd: War das dann Zufall, dass sie sich beim ersten Mal rausgeholt hatten? Ich meine, sie haben ja gewusst, dass du kommst.

 

Petra Weise:  Da hat wohl mit einer Meldung was nicht geklappt. Irgendein Meldefehler, der so zwar nichts bedeutet, aber für mich psychisch ganz furchtbar war. Die wollten mir bestimmt nichts Böses. Mein Mann denkt zwar, es wäre Absicht gewesen, aber das glaube ich nicht. Man muss nicht überall seinem Verfolgungswahn nachgeben. Ja, da hat es dann geklappt. Meine Mutti hatte mir zwar gesagt, dass ich mir keine Illusionen machen soll, weil die Kleine sowieso nicht mit mir gehen will. Aber als Anett mich dann gesehen hat, hat sie mich gar nicht mehr aus den Fingern gelassen. Sie ist direkt an mir geklebt. Das war vermutlich so eine Art Selbstschutz, dass sie das immer gesagt hatte.

 

Beate Kidd: Wie ging es Anett dann zu dem Zeitpunkt? Also rein gesundheitlich?

 

Petra Weise: Sie war schon sehr schwach. Einen Tag später wurde sie 6 Jahre alt und hat sich total gefreut, weil sie dann in die Schule kommt. Die Schule war auch gleich bei uns um die Ecke, der Schulweg war vielleicht 5 Minuten. Das konnte sie gerade so packen. Ich habe sie gleich in der Uniklinik Frankfurt angemeldet, weil ich wissen wollte, wie es ihr genau geht und was man machen kann oder muss. Aber auch dort haben sie mir gesagt, dass Anett operiert werden muss. Sie wollten allerdings noch 1-2 Jahre warten und dann die Milz entfernen. So gesehen war sie sehr stabil, aber sie hatte einen sehr großen Kopf und Bauch. Die Milz hat so viel Platz in ihrem Bauch eingenommen und alles andere gequetscht. Deshalb hatte sie auch immer Bauchschmerzen. Arme und Beine waren eher dünn, sie haben sich nicht so entwickelt. Dann dieser dicke Bauch dazu, da hatte sie rein physisch schon Probleme. Sie konnte einfach nicht so rumspringen wie ein anderes Kind.

 

Beate Kidd: Wie ging es ihr dann in der Schule? Kam sie da gut mit? Schule ist ja auch sehr anstrengend.

 

Petra Weise: Geistig hatte sie gar keine Probleme, war eigentlich immer Klassenbeste. Das Unangenehme war: Sie kam in die Schule und war das einzige deutsche Mädchen. Dann auch noch mit so leuchtend hellen Haaren, alle anderen waren dunkel. Mein Sohn wurde in der Schule bedroht, dass sie ihn verprügeln, weil er auch nur der einzige deutsche Junge neben zwei anderen deutschen Mädchen war. Es gab solche Banden. Italiener, Türken, Jugoslawen und Griechen, die sich gegenseitig den Tag schwer gemacht haben. Wir haben dann beschlossen, aufs Land zu ziehen. Ich habe das nicht gewusst, dass es mit Kindern Probleme geben kann, nur weil sie eine andere Nationalität haben. Das wurde wirklich richtig schlimm. Meine Junge wollte dann nicht mehr in die Schule gehen und hat sich gefreut, als er sich den Fuß gebrochen hat. Das war dann für uns schon kein Alarmsignal mehr, wir haben einfach gehandelt. Wir sind aufs Land gezogen und dort war die Welt halt noch in Ordnung.

 

 

Beate Kidd: Nochmal kurz zurück, als du die Kinder von deinen Eltern geholt hast. Wie ging es den Kindern denn psychisch? Sie haben ja lange auf ihre Eltern verzichten müssen. Wie haben sie das weggesteckt?

 

Petra Weise: Naja, unser Junge ist so ein Draufgänger. Sie hatten in der Schule mal für Angela Davis gesammelt. Das war eine politisch Inhaftierte und sie wollten für sie sammeln und sie freikämpfen. Sie haben dann eine Wandzeitung und Petition gemacht „Freiheit für Angela Davis“. Da hat mein Sohn in der Klasse gesagt: „Mein Vati sitzt auch im Gefängnis und jetzt schreiben wir die gleiche Petition „Freiheit für meinen Papa“. Er hat die Kinder alle aufgehetzt zu unterschreiben. Die Lehrerin ist dann zu meiner Mutti, weil sie nicht wusste, was sie machen sollte. „Wir können das Kind doch jetzt nicht enttäuschen.“ Sie hat mit der Postbeamtin gesprochen und André alles in ein Kuvert stecken und abschicken lassen. Das war so rührend, dass er sich da so eingesetzt hat.

 

Beate Kidd: Ist Anett dann später operiert worden?

 

Petra Weise: Ja, da ging sie dann in die zweite Klasse. Das war natürlich in der Uniklinik in Frankfurt ganz anders. Dort haben sie mit dem Kind gesprochen und nicht einfach über den Kopf hinweg gehandelt. Ich durfte bei jeder Untersuchung dabei sein. Im Osten stand ich draußen auf dem Gang und hab die Kleine drinnen schreien hören und konnte nicht rein, die haben das ja nicht zugelassen. Aber in Frankfurt ging das ganz anders zu. Auch nach der Operation habe ich dort schlafen dürfen, es war rund um die Uhr jemand bei ihr. Wir haben uns immer abgelöst - mein Mann, mein Bruder und ich. Es ist auch alles gut gegangen und irgendwann sind wir dann nach München gezogen. Dort hat ein Arzt gesagt: „Ihr Kind hat einfach ein besonderes Blut. Sie kann damit leben. Lassen Sie sie einfach. Sie muss nicht mehr medizinisch betreut werden.“ Ich habe den Mann gleich umarmt. Das habe ich immer gesagt, dass diese Kontrollen nichts bringen, wenn man nichts dagegen tun kann. Es ist nur eine Belastung und dann war auf einmal alles gut. Anett war da 10 Jahre alt.

 

Beate Kidd: Was für ein Wahnsinn mit der Tortur und Prozedur die ganzen Jahre über. Wie geht es ihr heute?

 

Petra Weise: Sie hat seit 17 Jahren ihre Ruhe. Sie liegt in ihrem letzten Bett auf dem Friedhof.

 

Beate Kidd: Oh Gott, das tut mir leid! War das wegen ihrer Krankheit?

 

Petra Weise: Sie hatte eine Lungenembolie. Wir saßen zusammen im Auto und mitten im Gespräch war sie weg.

 

Beate Kidd: Oh Gott, ist das traurig. Das tut mir so leid. Und wie geht es deinem Sohn?

 

Petra Weise: André geht es gut. Er hat eine schöne Arbeit, ist zwar sehr eingespannt, aber ihm geht es gut. Er lebt allerdings alleine, da er nach dem Tod von Anett ziemlich runtergefallen ist. Er ist damals auch lange nicht mehr aus der Wohnung gegangen. Er hat Trennungsängste, er will niemanden kennenlernen. Er ist der Meinung, dass es nichts bringt, weil sowieso alles kaputt geht.

 

Beate Kidd: Lebt André dann noch in München?

 

Petra Weise: Nee, er wohnt nur ein paar Minuten von uns entfernt. Wir sind alle nach der Wende wieder hierher in den Osten zurückgekommen.

 

Beate Kidd: Wie ist es für dich und deinen Mann heute mit dem ganzen Erlebten? Konntet ihr für euch alles abschließen oder taucht es trotzdem immer wieder auf?

 

Petra Weise: Naja. Ja und nein. Eigentlich waren wir überzeugt, dass wir das total gut weggesteckt haben. Während der Haftzeit lässt man ja keine Gefühle zu, das ist ja schon aus überlebenstechnischen Gründen notwendig. Einfach reiner Selbstschutz. Man schiebt alles weit von sich. Als wir dann im Westen waren, hatten wir ganz andere Probleme. Wir waren glücklich, waren frei. Wir haben uns aber nicht mit anderen getroffen, die das gleiche erlebt hatten, weil wir da keinen Sinn darin gesehen haben. Über die Vergangenheit reden und vielleicht auch noch irgendwelche Hassgefühle zu entwickeln, das ist Quatsch. Wir hatten unser Ziel, dass die Kinder kommen, dass wir Fuß fassen und dass wir schnell Wohnung und Arbeit finden. Wir mussten uns auch zurecht finden. Nur passierte dann eine blöde Sache. Ich habe zuletzt in der Küche gearbeitet bei der Volkssolidarität. Da bin ich im Januar auf Arbeit gekommen und es war die ganze Etage vergittert. Zwei Tage habe ich scherzen können, als sie gesagt haben: „Ja Petra, jetzt bist du wieder im Knast“. Ich habe geantwortet: „Genau. Cool. Ich zeig euch, wie es geht.“ Dann hatte ich eine Panikattacke. Ich konnte in kein Auto mehr steigen, ich kann bis heute nicht mal in eine Bank gehen, weil hinter mir die Tür automatisch schließt, ich kann nicht einkaufen gehen. Wir sind kurz darauf in den Skiurlaub gefahren, das ist anderthalb Jahre her, und ich konnte nicht in den Lift. Ich musste mich hinterher krank schreiben lassen. Ich wusste nicht, dass das irgendwo in mir begraben ist und jetzt bin ich genötigt, zu einem Therapeuten zu gehen. Die Therapeutin meint zwar, dass es hilft, alles nochmal mit Gefühl zu erleben. Ich halte davon nichts, weil das einfach nicht sein muss. Wenn einer ein Erdbeben oder einen Tsunami überlebt hat, dann muss er das auch nicht nochmal bewusst erleben. Das ist doch Quatsch. Mir ging es ja immer gut. Nur Räume ohne Fenster waren schwierig für mich, aber das haben andere Leute auch, das habe ich nicht überbewertet. Bis eben dieser Aussetzer kam.

 

Beate Kidd: Wie geht es deinem Mann?

 

Petra Weise: Ihm geht es gut. Er ist mittlerweile Rentner und unterstützt mich auch. Er sagt, dass wir das zusammen durchstehen. Also, wenn ich meinen geregelten Tagesablauf habe, komme ich gut zurecht. Ich kann ja mit Vermeidung viel erreichen. Ich nehme keinen Fahrstuhl, ich gehe nicht einkaufen und dann geht das. Ich habe mir auch alles von der Seele geschrieben und das Schreiben hat mir viel gebracht. Und tut es auch heute noch.

 

Beate Kidd: Kann ich mir gut vorstellen, weil man sich ja dadurch trotzdem damit auseinandersetzt.

 

Petra Weise: Ja genau. Ich kann mich ausdrücken und kann alles niederschreiben was mich bedrückt oder erfreut. Das ist gut so. Mein Mann liest auch alles, was ich schreibe und freut sich darüber. Nur, wenn ich über Anett schreibe – das kann er nicht lesen, das hält er nicht aus.

 

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Petra ist auch auf Facebook zu finden und ist auch gerne bereit ihre Bücher persönlich zu signieren.

 

 

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