Erich Röthlisberger

Beate Kidd: Erich, du erlebst regelmäßig, wie unzufrieden die Menschen sind und sich dabei selbst im Weg stehen. Bist du zufrieden mit dir? Mit deinem Leben?

 

Erich Röthlisberger: Ja, ich bin nun zufrieden mit meinem Leben. Es hat aber recht lange gedauert bis es soweit war. Meine Jugend verbrachte ich wohlbehütet bei meinen Eltern, zusammen mit dem drei Jahre älteren Bruder. Zu ihm habe ich allerdings seit dem Tod meiner Mutter keinen Kontakt mehr.

 

Beate Kidd: Du sagst, du bist jetzt zufrieden mit deinem Leben. Das klingt, wie wenn das nicht immer der Fall gewesen wäre.

 

Erich Röthlisberger: Ich war recht schüchtern, eigentlich ein Einzelgänger. Der Grund war bestimmt mein „Wochenplatz“ bei einer alten Dame. Nach der Schule musste ich immer für die Frau einkaufen gehen und ihre Wohnung putzen, statt mich mit meinen Schulkameraden zu treffen.

 

Beate Kidd: Das mit dem Wochenplatz beißt sich ein bisschen mit dem „wohlbehütet“ von oben. Wieso musstest du zu dieser alten Dame?

 

Erich Röthlisberger: Doch, ich durfte eine schöne Jugend erleben. Diese Arbeit nach der Schule war keine Strafe. Man machte das einfach. Nachdem mein Bruder diesen Job bis zum Schulende erledigte, übernahm ich den anschließend. Anfänglich waren 30 Franken pro Monat (Anmerkung Beate Kidd: Das sind ca. 27 €), ein tolles Taschengeld. Später wäre mehr angemessener gewesen, aber ich getraute mich nicht zu fragen.

Ich weiss nicht mehr genau, aber ich ging sicher zwei Jahre täglich nach der Schule für ca 1 Std. zu der Alten. Mittwoch- und Samstagnachmittag dauerte der Besuch jeweils länger, da war schulfrei. Die Schulaufgaben erledigte ich immer nach den jeweiligen Besuchen.

Dank eines Nachbarn wurde mir später eine Lehrstelle als Verkäufer in einem großen Eisenwarenhandel angeboten. Da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, was ich überhaupt wollte, sagte ich zu. Nach dem zweiten Anlauf schaffte ich die Prüfung.

Kurz vor meinem 20. Geburtstag, machte mir mein Bruder dann den Vorschlag zu ihm und seiner Partnerin in das Reiheneinfamilienhaus zu ziehen, damit ich endlich von den Eltern wegkomme.

 

Beate Kidd: Warum „endlich“ von den Eltern weg? War es so schlimm dort?

 

Erich Röthlisberger: Nein, bei meinen Eltern war es gar nicht schlimm. Aber durch meine Schüchternheit war ich ein Muttersöhnchen. Ich hätte den Schritt von zu Hause auszuziehen alleine nie gewagt.

 

Beate Kidd: Warst du zum Zeitpunkt deines Umzuges dann schon mit der Ausbildung fertig? Musstest du deinem Bruder Miete zahlen?

 

Erich Röthlisberger: Ja, ich war mit der Ausbildung fertig. Bei meinem Bruder bewohnte ich zwei Zimmer auf dem Dachboden mit Dachschräge. Eigentlich war es nicht mehr als eine Abstellkammer ohne Tapeten, ohne Teppich. Mein Vater bezeichnete es als Gefängnis. Was es auch war, aber ich bemerkte es nicht. Für mich zählte, dass ich meine eigenen Zimmer hatte. Dort stand mein Bett und unter dem Dachfenster mein Pult.
Für die zwei Räume bezahlte ich meinem Bruder um die 320-350 Franken (Anmerkung Beate Kidd: Das entspricht ca. 300 Euro). Erst später wurde mir klar, dass ich nur dazu benutzt wurde, um meinem Bruder und seiner Partnerin einen großen Anteil ihrer geschuldeten Miete zu bezahlen. Getränke und Gewürze kosteten pro Monat 30 CHF zusätzlich (Anm. Beate Kidd: ca. 27 Euro).

Am Anfang der Woche wurde immer der Menüplan zusammengestellt. Wenn ich an einem Nachmittag das Abendessen abgesagt hatte, musste ich trotzdem bezahlen.
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion bin ich dann ausgezogen.

 

Beate Kidd: Wo hast du denn dann so schnell Unterschlupf gefunden?

 

Erich Röthlisberger: Ich hatte mir schon heimlich eine Wohnung in der Nähe meines Arbeitsplatzes gesucht. Ich hatte ein Inserat mit Orts- und Mietvorstellungen geschaltet. Daraufhin hatte sich ein Mann gemeldet. Ich konnte seine Wohnung besichtigen, da er ausziehen wollte. Ich war hin und weg und nahm die Wohnung sofort. An die 30 Jahre habe ich dann in diesem Block gewohnt. Zuerst zwei, dann drei und später noch vier Zimmer. Als der Block renoviert wurde, suchte ich mir eine neue Bleibe. Dort bin ich nun seit ca. fünf Jahren und falls ich nicht weg muss, bleibe ich dort.

 

Beate Kidd: Erich, nochmal kurz zurück zu deinem Auszug. Warum bist du heimlich bei deinem Bruder ausgezogen und hast ihm nichts gesagt?

 

Erich Röthlisberger: Damals wollte ich mich auf keine Diskussion einlassen. Es hätte bestimmt noch mehr Streit gegeben, als so schon. Sicher hätte meine Schwägerin auf einen Kündigungstermin bestanden. Und somit auch mein Bruder. Ich bin heute überzeugt, dass meine Schwägerin meinen Bruder ziemlich manipuliert hat. Durch einen Autounfall meines Bruders, zeigten sich bei ihm dann auch noch zusätzlich Wesensveränderungen.

 

Beate Kidd: Oje, das klingt nicht gut. Dir ging es da dann vermutlich nicht so gut, oder?

 

Erich Röthlisberger: Eigentlich waren es drei Ereignisse, die das Fass für mich zum Überlaufen brachten. Der Tod meines Paten (zugleich Mutters Bruder) war eines davon. Dann der Autounfall meines Bruders, wo es im Leben und Tod ging.

Das dritte war: Ich wurde gemobbt, wie man heute sagen würde. Ich hatte Verkäufer gelernt, habe dann aber ins Büro gewechselt. Falls im Verkauf Not an Mann war, half ich dort aus. Wenn ich aber am Ladentisch aushalf, jagte mich der Abteilungseiter ins Büro. Erledigte ich Büroarbeit und nahm telefonisch Bestellungen an, beorderte er mich in den Verkauf, wenn dort ein paar Wartende am Ladentisch standen. Morgens, zur Kaffeepause bot ich an, für das Büro am Automaten Kaffee zu holen, damit nicht jeder einzeln gehen musste. Wenn der Chef das dann mitbekommen hat, musste ich mit mir schimpfen lassen. Er wollte wissen, weshalb ich hier und nicht an meinem Arbeitsplatz war. Es war furchtbar. Egal was ich machte, es war immer verkehrt.

Einmal ging ich mit einer Arbeitskollegin tanzen und traf dabei auf meinen Chef und auf eine der Sekretärinnen. Ihr Freund arbeitete auch bei uns im Betrieb. Was ich beim Tanzen zu sehen bekam, war einfach nur widerlich. Mein Chef, der verheiratet war und einen behinderten Sohn hatte, war total verschwitzt. Das Hemd hing ihm aus der Hose und er war in absoluter Ekstase. Die Sekretärin räkelte sich an ihm. Der Anblick war total abscheulich. Das war ein weiteres Ereignis mit dem ich nicht umgehen konnte. Ich musste mich krankschreiben lassen, da ich durch den Tod meines Paten und das ständige Mobbing psychisch eh schon sehr angeschlagen war.

Als mich eine der Sekretärinnen besuchte, also nicht die vom Tanzen, sondern eine andere, erzählte ich ihr, dass ich dem Chef aufgrund der ganzen Vorkommnisse einfach keinen Respekt mehr zollen konnte. Damals dachte ich, dass sie aus Interesse an meinem Zustand zu Besuch kam – heute weiß ich, dass sie mich nur aushorchen wollte, damit sie alles an meinen Chef weitertratschen konnte.

Meine Krankmeldung und die Tatsache, dass ich vor meinem Chef keinen Respekt mehr hatte, führten dann auch zu meiner Entlassung.

 

Beate Kidd: Da ist dann ja einiges zusammen gekommen für dich. Wie ging es dir dann nach der Entlassung?

 

Erich Röthlisberger: Es wurde so schlimm, dass ich am Morgen Tabletten benötigte um wach zu werden und am Abend andere, damit ich schlafen konnte. Eines Abends kam mir in den Sinn, dass Tabletten mit Alkohol eine stärkere Wirkung entfalten. Ich warf eine Handvoll Psychopharmaka ein und trank viel, sehr viel Rotwein.

 

Beate Kidd: Woher hattest du die ganzen Tabletten?

 

Erich Röthlisberger: Ich war ja wegen der Depression noch immer krankgeschrieben und bei einem Arzt in Behandlung.  Es handelte sich um verschreibungspflichtige Medikamente in recht starken Dosen.

 

Beate Kidd: Wolltest du an diesem Abend nur eine stärkere Wirkung oder hast du mit dem Gedanken gespielt, dir das Leben zu nehmen?

 

Erich Röthlisberger: Ich wollte nur eine stärkere Dosis. Endlich Ruhe und schlafen. An einen Suizid habe ich nie gedacht. Laut Arzt hätten mich die Tabletten auch nicht ins Jenseits befördert. Bei einer Überdosis hätte ich lediglich etwas länger geschlafen als normal.

Interessanterweise erhielt ich an diesem Abend Telefonanrufe von Menschen, die ich seit längerem nicht mehr gesehen oder gehört hatte. Sogar mein Bruder rief an um mich zum Essen einzuladen. Ich sagte ihm, dass ich die Tabletten genommen hatte und nicht mehr fahren konnte. Er holte mich dann ab und war der Meinung, ich sei zu feige mir bei einem Psychologen Hilfe zu holen.

 

Beate Kidd: Bist du dann zu einem Psychologen gegangen?

 

Erich Röthlisberger: Ja. Ich wurde gleich am nächsten Tag vom Hausarzt zum Psychologen überwiesen. Kurze Zeit später folgte der Termin und das Gespräch. Nach der Stunde fragte mich der Psychologe, was ich für ein Gefühl habe. Ob ich meine, dass ich mehr Stunden brauche. Ich war der Meinung, dass müsse er entscheiden – nicht ich. Aber anscheinend war er der Meinung, dass ich das beurteilen muss.

Da ging mir ein Licht auf. Ich vereinbarte keine weitere Gesprächsstunde mehr. Sagte an diesem Moment zu mir: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand. Ich begann mein Leben selbstständig umzukrempeln. Ich wollte einen neuen Job. Gut, das is jetzt über 30 Jahre her und da war der Arbeitsmarkt etwas anders als heute. Ich besuchte in der Stadt Bern jedes Arbeitsvermittlungsbüro. Links die Straße runter, rechts wieder hinauf. Durch einen Hinweis meiner Mutter erhielt ich sechs Wochen später eine neue Arbeitsstelle, bei der ich heute noch tätig bin.

Meinen Alkohol verkaufte ich. Ich besaß große Mengen Spirituosen. Ich trinke seit damals nichts Hochprozentiges mehr.

Nach und nach begann ich das Leben mit ganz anderen Augen zu sehen. Ich nahm mir vor nicht immer alles negativ zu betrachten, das Negative nicht zu suchen. Ich wollte eine positive Einstellung zu allem haben.

 

Beate Kidd: Das klingt sehr gut!

 

Erich Röthlisberger: Ja. Mit diesem Schritt sah ich mein Umfeld plötzlich auch mit ganz anderen Augen. Mir fiel auf wie viele Menschen immer nur über das Negative sprechen. In allem nur das Schlechte sehen. Selten ist das Positive zu hören. Auch im „Schönsten“ wird etwas gesucht, was nicht stimmt, nicht passt.

Ich glaube, dass viele Leute irgendwo stehen geblieben sind. Und jetzt sind sie frustriert und deshalb negativ eingestellt. Sie stehen sich dadurch selbst im Weg, weil sie nicht bereit sind oder bereit sein wollen, etwas an ihrer Denkweise oder ihrem Verhalten zu ändern.

Mir ist z. B. in dem Großbetrieb, in dem ich arbeite, aufgefallen, dass sehr viele Frauen unzufrieden sind. Weshalb ist schwierig zu beurteilen. Einige habe ein Alter, wo sie sich vielleicht mehr erhofft haben, als im Büro zu arbeiten. Oder sie sind nicht in der gewünschten familiären Position. Sind nicht verheiratet, haben keine Kinder. Leben alleine usw.

Sie stehen sich dadurch selbst im Weg, weil sie einfach nicht bereit sind, etwas bei sich selbst zu verändern.

 

Beate Kidd: Was könnten die Frauen denn beispielsweise verändern? Es ja nicht so einfach einen Partner aus dem Hut zu zaubern.

 

Erich Röthlisberger: Das stimmt. Aber irgendwann kann man eventuell mit der gegenwärtigen Lebenssituation zufrieden sein und vielleicht die Ansprüche etwas reduzieren. Eine sagte einmal: „Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.“

Ich antwortete: „Zuerst muss er aber bei dir auf die Bettkante sitzen wollen.“

 

Beate Kidd: Kratzen vielleicht fast alle ein bisschen an einem Burnout oder einer Depression? Der Grat ist ja mitunter sehr schmal.

 

Erich Röthlisberger: Depression, Burnout. Mit dem Wort Burnout habe ich meine Mühe. Vieles wird hinter diesem neuen Begriff versteckt. Sind Stimmungsschwankungen jeglicher Art nicht auch Kopfsache? Sollten wir nicht bei uns beginnen etwas zu ändern? Die Fehler und den Grund für unsere Depression/Burnout nicht bei den anderen suchen? Sind wir nicht für uns selber verantwortlich?

Durch das was ich erlebt habe, habe ich wahrgenommen, dass ich für mich selber verantwortlich bin. Hat jemand ein Problem mit mir, sage ich immer: die Person hat ein Problem. Nicht ich. Sie muss es selber lösen. Egoistisch? Finde ich nicht. Ich bin nur nicht mehr bereit mich für die Probleme anderer verantwortlich zu fühlen.

 

Beate Kidd: Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Einstellung, ein sehr guter Weg. Aber es ist auch ein Prozess dorthin zu kommen. Viele Menschen sind so in ihrem Denken und Tun gefangen, dass sie sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Nicht sehen können. Was denkst du, kann jeder für sich anders machen?

 

Erich Röthlisberger: Sich endlich bewusst werden, dass jeder für seine Gemütsstimmung selbst verantwortlich ist.

Aber auch bereit sein darüber zu sprechen. Aus meiner Sicht ist es wichtiger einen guten Menschen im privaten Umfeld zu haben um über seine Probleme zu sprechen als einen Arzt, der an Tarife usw. gebunden ist.

Und es sollte sich jeder an den kleinen Dingen erfreuen und nicht das Negative suchen.

 

Beate Kidd: Wie geht es dir damit, wenn du siehst wie viele unzufriedene, unglückliche Menschen es in deinem Umfeld oder überhaupt gibt?

 

Erich Röthlisberger: Ich finde es tragisch, dass so viele unzufrieden, grimmig, frustriert den Tag bestreiten. So von ihrem festgesessenen Verhalten blockiert sind, dass sie sich nicht ändern können oder wollen.

Tagtäglich begegnen mir Menschen, sei es auf dem Arbeitsweg oder im Büro, die mir entgegenlaufen, in die Augen blicken und sobald man auf selber Höhe ist, den Kopf abwenden. Wieso nicht „Guten Tag“ sagen und dabei lächeln?

Oder solche die bis auf ein „Guten Morgen – guten Appetit – schönen Abend“ im Büro nicht fähig sind ein weiteres freundliches Wort von sich zu geben. Ich sage jeweils: Die rennen doch an ihrem Leben vorbei.

 

Beate Kidd: Wie geht es dir selbst heute?

 

Erich Röthlisberger: Gut! Es gibt sicherlich immer wieder Ups und Downs. Aber auch da habe ich gelernt die Angst zuzulassen und sie zu akzeptieren. Heute nehme ich einen Stimmungsaufheller. Citalopram. Die beste Medizin ist jedoch Humor, Freude und Spaß.

 

Beate Kidd: Darf ich fragen, warum du Stimmungsaufheller brauchst? Wärst du ansonsten auch unzufrieden?

 

Erich Röthlisberger: Durch meine bisherige Geschichte verschrieb mir der Arzt bereits vor Jahren den Stimmungsaufheller. Zu allem was ich schon erzählt habe, kommt noch dazu, dass ich über viele Jahre hinweg meine Eltern gepflegt und betreut habe. Als Mutter starb, machte mir mein Bruder schlimme Vorwürfe. Er hat sich so geäußert, dass ich mich entschlossen habe den Kontakt zu ihm abzubrechen. Das ist bis heute der Fall, ich habe ihm gegenüber keine Emotionen mehr. Zuletzt habe ich ihn vor sechs Jahren bei der Beerdigung meines Vaters gesehen.

Vor zwei, drei Jahren habe ich mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begonnen. In ihnen versuche ich die heutigen Probleme niederzuschreiben und einen Wink zu geben, wie wenig es benötigt um im Negativem sogar das Positive zu sehen.

 

Beate Kidd: Welche Probleme meinst du? Die Unzufriedenheit bei vielen Menschen oder eigene Probleme?

 

Erich Röthlisberger: Eigentlich mehr allgemeine Probleme. So im Sinn, dass wenn wir auf die innere Stimme hören würden, wir …
… oder wenn wir uns traurig und einsam fühlen, wir doch nicht alleine sind, wenn wir fühlen, sehen, hören können was uns von irgendwoher mitgeteilt wird.

 

 

Auch in der Fotografie hat Erich Röthlisberger seinen Ausgleich und auch seine Erfüllung gefunden. Wer gerne Fotos ansieht, kann auf Erich Röthlisbergers Webseite gerne stöbern.

 

Desweiteren kann Erich Röthlisberger bei Bedarf jederzeit per E-Mail kontaktiert werden.