Some Place Only We Know

Die Facebookseite Some Place Only We Know beschäftigt sich mit verlassenen Orten und zeigt wunderbare Fotos von diesen Lost Places, die zum Abtauchen in eine andere Zeit, eine andere Welt einladen, aber auch sehr nachdenklich stimmen. Hinter diesen manchmal eindringlichen Bildern steckt eine junge bayerische Fotografin, die sowohl in der Oberpfalz, als auch in Franken zuhause ist. Zu meiner großen Freude hat sie am 22. August 2017 ihren Rucksack voller Leidenschaft für uns geöffnet:

 

Beate Kidd: Du bist jetzt Mitte 30 – wie lange fotografierst du schon?

Some Place Only We Know: Ich habe meine erste Kamera mit 14 Jahren geschenkt bekommen und seitdem war ich nur selten ohne Fotoapparat unterwegs. Das war damals auch nur eine sehr einfache Kamera und entsprechend hatten die Bilder noch keine so gute Qualität wie jetzt. Manchmal habe ich auch mit dem Handy fotografiert, aber irgendwann war es Zeit für eine richtig gute Kamera. Nach und nach habe ich mir dann einiges an Equipment zugelegt und auch Fotokurse mitgemacht. Gleichzeitig habe ich alles zum Thema Fotografie gelesen, was mir in die Finger kam. Etwas später habe ich mich dann auch mit Bildbearbeitung beschäftigt.

 

Beate Kidd: Wie bist du dazu gekommen, diese verlassenen Orte zu fotografieren?

Some Place Only We Know: Das hat sich einfach so ergeben. Ich habe lange nur Burgruinen fotografiert. Die Bilder waren gut und haben den Leuten auch gefallen. Aber nachdem mein Lieblingsfotograf ein Konzept hat oder hatte, wollte ich das auch. Allerdings wusste ich nicht was. Burgruinen erschienen mir zu langweilig, das war irgendwie zu ausgelutscht. Ich hatte überhaupt keine Idee. Irgendwann an einem langweiligen Sonntag Abend habe ich mir gedacht: „Ich glaube hier in der Nähe gibt es einen See.“ Und ich dachte wirklich „ich glaube“, weil ich mich mit der Region immer noch nicht beschäftigt hatte, obwohl ich schon lange dort wohnte. Ich wusste einzelne schöne Orte, wusste dass die Burgen alle sehr schön sind, aber das war es dann auch schon. Naja, ich bin dann zum Sonnenuntergang an diesen See gefahren und habe dort fotografiert. 

Ab diesem Zeitpunkt bin ich von See zu See gepilgert, bin sehr früh aufgestanden, oft sehr sehr spät ins Bett gegangen und habe viele Mückenstiche in Kauf genommen. Aber das war auch schön und gut so letztes Jahr. Ich möchte die Zeit auch überhaupt nicht missen und dachte eigentlich auch, dass es dieses Jahr so weitergeht. Aber ist es halt nicht und ich weiß auch nicht, ob es jemals wieder in diese Richtung weitergeht.

 

Beate Kidd: Mit was weitergeht? Mit den Seen? Oder überhaupt?

Some Place Only We Know: Naja, das mit den Seen war im Herbst dann ja vorbei. Da kam der Nebel. Also Nebelfotos - die auch sehr gut waren. Ich habe auch noch im Winter fotografiert, aber es war halt schon nervig in der Kälte rumzustehen. Abends wurde es so schnell dunkel, was einfach auch zeitlich sehr schwierig war und mir verging mehr und mehr die Lust. In der Zeit habe ich dann aber von einem Fotowettbewerb gehört. Das wäre in Berlin gewesen, auf Englisch. Da ging es um Storytelling und man musste Geschichten einreichen. Und da wollte ich unbedingt hin. Die hätten nämlich dabei geholfen, dass man sein Portfolio verbessert und ich hatte ja damals noch vor einen Bildband zu den ganzen Seenlandschaften hier zu veröffentlichen.

 

Beate Kidd: Das Storytelling in Verbindung mit den Fotos oder nur durch die Fotos?

Some Place Only We Know: Nur die Fotos und eine kurze Bildunterschrift. Das war dann auch das erste Mal, das ich auf so Lost Places aufmerksam geworden bin. Ich habe mir natürlich überlegt, welche Fotogeschichte ich dort in Berlin einreichen will. Ich wusste schnell, dass ich etwas mit einem Friedhof machen wollte, aber ich wollte einen verlassenen Friedhof. Durch Zufall bin ich auf einen Typen aufmerksam geworden, der auch hier aus der Gegend kommt, eine Seite hat und zu verlassenen Orten fährt – oft auch nach Tschechien. Ich habe mir die Koordinaten zu vier Lost Places rausgesucht und habe mich dann Anfang Januar, zusammen mit einer Freundin, auf den Weg nach Tschechien gemacht.

Es hatte an dem Tag ziemlich geschneit und wir mussten durch viele Wälder und einsame Gegenden fahren. War nicht so toll. Der einzige Lost Place, den wir gefunden haben, war schon cool, aber sehr unheimlich. Das war so eine alte Kirche und daneben ein jüdischer Friedhof. Leider mussten wir sehr früh zurück und ich hatte keine guten Bilder, die ich für den Wettbewerb in Berlin hätte verwenden können. Ich habe dann andere Bilder ausgewählt. Die waren zwar nicht schlecht, aber ich wollte eigentlich eine Geschichte mit Flüchtlingen oder so machen – so nach dem Motto, dass auch früher schon Leute vertrieben worden sind usw.
Ich bin schon davon ausgegangen, dass ich bei dem Wettbewerb in Berlin zu den Gewinnern gehöre, habe aber dann eine Absage erhalten. Ich war dann wirklich fertig, es hätte mir so viel bedeutet, wenn ich da genommen worden wäre.

Zu der Zeit hatte ich auch noch mit jemandem geschrieben, der oft in Bunker oder Höhlen fotografiert. Mir war klar, dass ich da auf jeden Fall jemanden brauche würde, der mitfährt, wenn ich auch zu so einem Bunker wollte. Für mich sehr schwierig, weil ich ja immer nur allein fotografiert habe und das auch so wollte. Meine Fotos sind nie was geworden sein, wenn ich jemanden dabei hatte.

Ja, und dann hat sich das so ergeben, dass ich mich einer Fotogruppe angeschlossen habe. Dort ist es so, dass man jede Woche ein Thema vorgegeben bekommt und man muss das auch so umsetzen. Das ist schon anspruchsvoll, denn man muss kreativ sein und zeitgleich aber auch alles gut realisieren. Ich habe dann festgestellt, dass es doch gut ist in der Gruppe zu fotografieren. Man ist dann zwar innerhalb der Gruppe, aber trotzdem fotografiert jeder für sich selbst. Ich habe mich auch mit den einzelnen Leuten angefreundet und es ist mittlerweile tatsächlich so, dass ich kaum noch Lust habe alleine zu fotografieren.  
An einem Sonntag wollten wir bei einem AutoTuning Treffen fotografieren. AutoTuning ist jetzt zwar nicht so meins, aber mit der Gruppe zusammen hätte ich dort schon fotografiert. Ich bin dahin und es hieß, dass wir was anderes machen, weil es so geregnet hat. Einer machte den Vorschlag: „Machen wir Lost Place.“
Mir ging nur durch den Kopf: „Lost Place ohne Vorankündigung. Oh mein Gott, wer weiß was da auf mich zukommt.“ Ich konnte mir das nicht vorstellen und wusste überhaupt nicht, was da auf mich zukommt. Aber dann sind wir da einfach hingefahren.
Der Lost Place an dem wir da waren, war eine alte Firma, ein altes Fabrikgelände, überall Vandalismus - aber für mich war das wunderschön. Das war einfach unbeschreiblich. Geheimnisvoll, verboten. Mir ging so vieles durch den Kopf: Wie wohl meine Fotos werden, wie werde ich die Bilder bearbeiten können, weil war ja nichts mit See, Sonnenauf- und untergang. Als die anderen nach einiger Zeit fertig waren, war ich noch lange nicht so weit. Ich bin dann nochmal alleine rumgelaufen und es war total faszinierend. Ich kann nicht mal sagen warum, aber ich bin später im Auto gesessen und hab mir nur gedacht: „Wow! Ich will auf jeden Fall mehr davon.“
Da habe ich angefangen mich zu verlassenen Orten schlau zu machen. Ich habe dann auch einen super Lost Place gefunden und wir sind zu mehreren dorthin. Leider war dieser Lost Place doch nicht so verlassen. Teile auf dem Gelände waren noch aktiv, so dass es dann zu heikel war dort reinzugehen. Mir war das total peinlich und ich dachte: „Oje, jetzt hassen mich alle. Wir sind extra hierher und jetzt kann man da nicht rein und und.“ Natürlich hat mich niemand gehasst, wir sind dann einfach zu einem anderen verlassenen Ort gefahren – was für mich ziemlich aufregend war.
Ich hatte mich nämlich im März 2016 mal verfahren bzw. hatte mich mein Navi verkehrt durch die Gegend geschickt. Aber es war super dort! Ich bin an einer Firma vorbeigekommen, bei der schon auf dem Stückchen zwischen Gehweg und Eingang mindestens fünf Schilder mit „Zutritt verboten“ zu sehen waren. Ich bin dann immer wieder dort vorbeigefahren, habe mir das aber immer nur vom Auto aus angesehen. Ich hatte mir ursprünglich Gedanken wegen Einsturzgefahr gemacht, dann aber festgestellt, dass die Leute aus der Fotogruppe da schon einmal drin waren. Allerdings gingen sie da nicht gern hin, weil der Besitzer so streng ist, wenn man erwischt wird.
Als es jetzt hieß, wir fahren dorthin, habe ich mir gedacht: „Oh, wow, das darf nicht wahr sein, jetzt fahren wir tatsächlich dahin!“ Und dann sind wir dahin und reinspaziert, als wie wenn nichts wäre. Es war so schön da drin, ich kann das gar nicht beschreiben. Ich will da auch noch mal rein. Zwischenzeitlich habe ich auch die Nummer von dem Hausmeister und will auf jeden Fall versuchen da legal reinzukommen. Ich weiß nicht, warum dieses Haus, also das ist ein Wohnhaus und ein Fabrikgebäude, ich weiß nicht warum das Wohnhaus leersteht. Da sind noch Vorhänge drin, da ist noch ein Sofa drin, da ist noch Geschirr drin, da ist noch ein alter Fernseher drin, ein Sessel. Da hat es wohl mal gebrannt – es sieht auch entsprechend aus, aber die Schönheit in diesem Räumen... wir waren ja nicht lange drin, vielleicht 15 Minuten, ich hätte aber mindestens 3 Stunden gebraucht, um das alles fotografieren zu können. Es war einfach der Wahnsinn. Wir sind dann rüber in das Fabrikgebäude, da waren aber alle Türen zu. Gerade als wir wieder gehen wollten, habe ich noch eine offene Tür entdeckt – vor der allerdings ein großer Stein lag. Wir haben dann den Stein zur Seite geschoben und sind rein. Das war dann das erste Mal, dass ich durch eine eigentlich versperrte Tür wo rein bin, weil in dem Wohnhaus stand die Tür offen und auch in der Fabrik war die Tür offen. Die Tür war hier zwar auch nicht abgeschlossen, aber dieser große Stein hat im Endeffekt den Weg versperrt.
Dann waren wir da erstmal in einem Keller und hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt. Danach sind wir drei Stockwerke hoch. Da lag ein toter Vogel und auch eine Zeitung von neunzehnhundertirgendwas oder 2002, keine Ahnung, aber einfach schon total alt. Alles dort war noch so schön und ich weiß leider überhaupt nicht, warum die Leute da raus sind. Das war auch überhaupt nicht verfallen. Wenn man das putzen würde, dann wäre es zwar alt, aber man könnte auf jeden Fall wieder Sachen dort lagern. Man hat auch gemerkt, dass da nicht oft Leute reinkommen, da es keine Graffiti an den Wänden gab. Es war halt einfach der Wahnsinn. Als wir dann heimgefahren sind, war ich so zufrieden. Das war ein so schönes Gefühl – das hatte ich seit den Seen nicht mehr gehabt. Es war neu und es war spannend.
Als ich zuhause die Bilder in der Fotogruppe hochgeladen habe, kamen sie sehr gut an und auch mir haben sie total gut gefallen. Ist auch jetzt noch der Fall. Wenn man Natur fotografiert, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang oder Seen, dann hast du ja immer was, was schon schön ist und du noch schöner machst. Aber sowas häßliches wie eine leere Fabrikhalle, wo die Wand und die Decke schon runtergebrochen sind, wo Graffiti an den Wänden ist, Müll auf dem Boden liegt – das irgenwie anschaulich zu fotografieren, das ist schwierig.

Du musst auf soviel achten, du musst dich mit der Kamera gut auskennen und du kannst auch soviele unterschiedliche Sachen machen. Du kannst Makrofotografie machen, mit irgendwelchen Schrauben auf dem Boden, du kannst weitwinklig fotografieren und den ganzen Raum ablichten, es gibt so viele Möglichkeiten.

Ich bin dieses Jahr auch ein paar Mal an den See gefahren, aber es war nicht mehr das Wahre. Man kann ja nie vorhersagen, ob es ein schöner Sonnenuntergang wird. Man kann nur hin, wenn das Wetter passt, im Sommer die Mücken - es war immer dasselbe. Auch, wenn es unterschiedliche Seen gibt, es ist trotzdem immer das Gleiche. Bei den Lost Places fasziniert mich einfach, dass man so viele unterschiedliche Sachen machen kann. Das Feuer war auf jeden Fall in mir entfacht und ich wollte mehr. Irgendwie ist das dann aber alles so schnell gegangen, dass ich hin- und hergerissen war zwischen: Ich will einen Bildband über Seen machen und ich will einfach nur mit den Leuten aus der Gruppe Neues ausprobieren. Da war ich in einem Zwiespalt. Ich wollte ja auch schon immer in diese Geisterkirche in Tschechien und hatte auch Leute gefunden, die da mit hinfahren wollten. Die Organisation war dann aber etwas schwierig und irgendwann habe ich dann einfach gesagt: „Ich fahre jetzt Samstag dahin – egal, ob jemand mitkommt oder nicht.“ Wir sind dann tatsächlich hingefahren. Zu sechst. Nach der Geisterkirche haben wir uns in Tschechien noch ein paar andere Lost Places angeschaut. Das war halt auch einfach cool, einfach so einen Roadtrip zu machen.

 

Beate Kidd: Wie kommt man an diese Lost Places?

Some Place Only We Know: Die sieht man irgendwo unterwegs. Oder man sieht auf Facebook einen Artikel oder Freunde waren irgendwo und posten das. Dann will man da halt hin. Ich wollte dann auch einen Lost Place finden und habe eine verlassene Pension gefunden, in die wir dann auch rein sind. In Tschechien ist es ja so, dass du fast alle 5 Minuten einen Lost Place hast. Du fährst wirklich durch diese Dörfer und was da rumsteht ist einfach der Wahnsinn. Wir haben uns aber nicht überall reingetraut, weil wir ja nicht wussten, wie die Polizei in Tschechien drauf ist. Ich wurde auch schon mehrmals gewarnt. Es kann passieren, dass in diesen alten Häusern Drogenküchen drin sind und das die Polizei auch dort bei Hausfriedensbruch nicht so chillig ist.

 

Beate Kidd: Du hast vorhin gesagt, du hast Koordinaten – hast du dann ein GPS dabei?

Some Place Only We Know: Nein, nein, die Daten kann man über Google Maps eingeben. Ich arbeite jetzt auch nur noch mehr mit Koordinaten, weil man das so einfach besser findet. Ich habe mir ein Word Dokument mit aktuell 124 Seiten über Lost Places angelegt.
Aber zurück nach Tschechien. Wir waren in so einem Fabrikgelände, das haben wir auf der Durchfahrt gesehen und dann waren wir noch in dieser Pension. Die war komplett im Arsch, aber trotzdem cool. Ich hatte danach Albträume. Träume darüber, was da passiert ist in diesen Häusern. Das hat aber zum Glück wieder nachgelassen. Ich verstehe es nicht, auch bei den Fabriken nicht, wie man das alles so stehen und liegen lassen kann. Wir waren kürzlich auch wieder in einer Fabrik, da steht alles noch. Die haben nichts mitgenommen, da steht alles rum. Alles. Allein in einer Halle standen 3 Fahrzeuge. Wenn man mal überlegt, was nur die Fahrzeuge für einen Wert haben und die Fabrik steht seit 2003 leer.

 

Beate Kidd: Ich habe selbst auf Instagram einzelne Lost Places Fotografen abonniert und mir geht es auch oft sehr nah, wenn man sieht, was da noch alles in den Räumen ist. Wieso sind die Menschen von den Orten Hals über Kopf weg? Das eine war ein Bild, wie wenn gerade einfach nur alle vom Essen aufgestanden wären. Das stimmt schon nachdenklich, ist auch spooky.

Some Place Only We Know: Ja, ich weiß was du meinst. Ich hatte wirklich die ersten Male Albträume über die Menschen, die da drin mal gelebt haben. Es gibt hier in der Nähe einen alten Bauernhof, in dem eigentlich noch alles drin ist. Ich geh da aber nur sehr ungern rein, weil man da zu sehr in dem persönlichen Leben der ursprünglichen Bewohner rumwühlt. Das mag ich nicht. Bei Firmen ist mir das egal, das war halt nur ein Arbeitsplatz, kein Wohnhaus. Bei Wohnhäusern ist es mir lieber, wenn sie fast ganz leer sind und man sich dann vorstellt, wie es mal aussah.

Ich versuche auch immer, Hintergründe über die Gebäude oder Informationen rauszufinden. Bei manchen Objekten ist es ziemlich schwer, bei anderen relativ einfach. Ich habe damit erst angefangen und muss mich da auch noch besser informieren. Vielleicht auch mal die entsprechende Gemeinde anschreiben oder so. Aber das mit dem alten Bauernhaus und auch die alte Kirche – das versteh ich wirklich nicht. Die Kirche ist von außen nicht baufällig, von innen halt voller Moos. Aber ich weiß nicht, warum die leer rumsteht. Die Kirche ist wunderschön und das würde mich schon interessieren.

Ich will da jetzt auch wirklich Storytelling machen. Also meine Facebookseite soll schon bleiben, aber ich will da noch Artikel schreiben auf einer Seite, auf der dann auch Fotos in besserer Qualität hochgeladen werden und auch welche, die man dann auf Facebook nicht sieht. Ich will bei Facebook auch nicht so viele Fotos bei einem Post veröffentlichen, weil im Schnitt nur ca. 10 Bilder angesehen werden. Deshalb habe ich mich da in den letzten Tagen schon damit beschäftigt, welche Seiten an der Stelle für Storytelling in Frage kommen, habe mich aber noch nicht final für eine entschieden. Aber das interessiert mich schon, nimmt mich aber auch sehr mit. Ich denke da auch abends mal darüber nach, was da wohl gerade in dem Haus oder in der Firma passiert. Wieso da einfach überhaupt niemand mehr ist. Oder, wenn du da tote Tiere siehst. Gut, ich habe bis jetzt nur tote Mäuse oder Vögel gesehen, aber ich wüßte nicht, wie ich reagieren würde, wenn da mal ein toter Hund oder eine tote Katze liegen würde. Kann ich nicht sagen.
Was auch nachdenklich stimmt, sind Penner. Wir waren in einem verlassenen Gebäude und da hat definitiv jemand gelebt. Da war eine Matratze da, es sind ganz viele Schuhe rumgestanden und wenn ich mir dann überlege, wie es überhaupt so weit kommen kann, dass jemand da wohnen muss… Es ist also nicht so „Hey cool, wir gehen jetzt mal Lost Places fotografieren“, es ist dann schon wirklich Stille, wenn man da ist. Man fragt dann eher irgendwann, ob die anderen noch da sind. Aber es ist nicht die volle Gaudi oder so. Ich frage mich schon immer, warum irgendetwas jetzt daliegt wo es liegt. Ob das schon immer dalag, oder ob das ein Fotograf hingelegt hat – ich mach mir da schon sehr viele Gedanken. Manchen ist das egal, aber es gibt schon auch andere Fotografen, die sowas auch sehr nachdenklich stimmt.

 

Beate Kidd: Ist es denn so, dass sich die wenigsten untereinander Tipps geben, damit ja kein anderer auch Fotos von diesem Lost Place hat?

Some Place Only We Know: Das ist unterschiedlich. Es gibt schon den Kodex, dass man die Koordinaten nicht verraten darf. Du darfst auch nicht gewaltsam in ein Gebäude eindringen, du darfst nichts mitnehmen, du darfst nichts verrutschen etc. „Take nothing, but pictures, leave nothing but footprints.“ Viele Fotografen sagen, dass sie deshalb nichts verraten, weil sie nicht möchten, dass dort Graffiti hingesprüht wird. Ich mein, manche Sachen sehen halt echt schon derb aus.

Ich habe z. B. auf Facebook verschiedene Seiten gefunden, wo Orte drauf waren, wo ich unbedingt noch hin möchte. Teilweise gibt es aber so wenig Informationen dazu, dass klar war, wenn ich die Person, die das veröffentlicht hat, nicht frage, dann komme ich da nicht hin. Ich habe bis jetzt zweimal bei jemanden angefragt und wurde auch beide Mal nicht enttäuscht. Obwohl, eigentlich habe ich es schon öfter gemacht, aber manche haben einfach nicht geantwortet. Allerdings habe ich den Leuten, mit denen ich mich da ausgetauscht habe, auch was geboten. Das hat bei denen jetzt gut funktioniert, die sind sehr nett. Wir sind auch noch in Kontakt und wollen auch mal zusammen losziehen.

Es ist aber schon auch so, dass ich meine Informationen nicht jedem geben würde.  Beziehungsweise würde ich nur etwas weitergeben, wenn mir im Gegenzug auch jemand was bietet. Ich denke schon, dass viele das so machen, aber öffentlich wird halt immer angegeben, dass man keine Infos weitergibt. Du musst halt wissen, was die für einen Stil haben und wissen, was für die passen würde und was sie total interessieren würde. Du musst ein bisschen ein Gefühl dafür entwickeln und dann klappt das auch. Bisher habe ich wirklich nur sehr nette Leute auf diesem Wege kennengelernt.
In einer Fotogruppe auf Facebook hatte kürzlich auch einer geschrieben, dass er gerne Lost Places fotografieren würde und ob man sich nicht mal treffen will. Früher hätte ich da nie darauf reagiert, aber ich habe ihm dann geschrieben und wir haben uns auch getroffen und sind zu einem Bunker gefahren. Ich habe allerdings schon gleich zu Anfang gesagt, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich da reingehe. Es hat mir einfach schon etwas bedeutet dort zu sein. Ich liebe alles was mit Militär zu tun hat und wenn ich weiß, dass da mal amerikanische Soldaten waren. Ich hätte das alleine nie gefunden und ich wäre auch allein nie dorthin gefahren.

Eigentlich war es eher leichtsinnig, dass ich mit dem unterwegs war. Wir waren da im Wald und ich hatte ihn ja zuvor überhaupt noch nie gesehen. Der hätte mich auch umbringen können oder sonst was. Aber ich habe mir halt gedacht, dass man auch mal was riskieren muss und mir vorher seine Seite angeschaut, habe mit ihm in Whatsapp geschrieben und er hatte einen guten Eindruck gemacht. Er hätte wohl auch kaum in der Gruppe gepostet, wenn er wen hätte umbringen wollen.

Aber es gibt schon auch Leute, die sich regelmäßig mit neuen Leuten treffen, die sie überhaupt nicht kennen und dann in irgendwelche Bunker gehen oder so und das würde ich nicht machen. Ich muss die Leute halt zuvor schon ein bisschen kennenlernen. Man muss sich da wirklich darüber bewusst sein, dass was man etwas Illegales macht. Du musst gut abschätzen können, mit wem du da hingehst. Du musst der Person vertrauen, dass sie sich um dich kümmert, wenn du dir z. B. den Fuß brichst. Oder, wenn du einen Schwächeanfall hast, du musst dich auf diese Person verlassen können. Du musst wissen, dass die Person richtig reagiert, wenn die Polizei kommt. Sprich, dass die Person nicht wegläuft. Du musst wissen, dass eure Freundschaft oder die Beziehung, die ihr zueinander habt, nicht kaputtgeht, wenn ihr von der Polizei erwischt werden. Es soll halt nicht heißen: „Ja, weil du so laut warst, oder weil dir das runtergefallen ist, ist jetzt die Polizei gekommen.“ Oder dass sich die Person so ärgert, dass sie dann nichts mehr mit dir zu tun haben will. Das muss man wirklich vorher abschätzen können. Man muss sich gegenseitig das Gefühl der Sicherheit geben und du musst auch versuchen mit Leuten dahin zu gehen, die auch fotografieren wollen.

Es gehen ja nicht immer alle zum Fotografieren hin, sondern auch einfach nur um sich das anzusehen. Ich brauche nämlich schon eher lange zum Fotografieren. Meine Fotos werden erst dann richtig gut, wenn ich mich in den Ort einfühlen kann. Das hört sich jetzt bisschen blöd an, aber das ist so. Ich muss das erst in mir aufnehmen. Das ist inzwischen schon besser geworden und geht auch schneller, aber nicht innerhalb 10 Minuten. Das heißt, ich weiß schon von vorne rein, dass ich frustriert bin, wenn sich da jemand nur 10 Minuten umsehen will. Das muss einfach passen. Man muss halt schauen, dass beide eher langsam fotografieren oder dass insgesamt 4 Leute mitgehen. Da können dann zwei vorausgehen und schon irgendwo etwas trinken oder essen gehen und die anderen fotografieren noch weiter. Man muss aber auch Rücksicht auf die anderen nehmen. Wenn die noch etwas fotografieren wollen, was mich jetzt nicht so interessiert oder sie noch in den Keller wollen und ich aber nicht.
Auch muss man Ängste überwinden. In dem Berghof, in dem wir kürzlich waren, war es wirklich so, dass ich richtig Angst hatte. Soviel Angst, dass ich mir schon überlegt hatte, zu sagen, ich geh da nicht rein. Wir waren aber nur zu zweit und das wäre halt dann echt Scheiße gewesen. Eigentlich wollte ich ja auch rein, aber man musste durch einen komplett dunklen Raum um zum Treppenhaus zu gelangen und da dann in den ersten Stock, wo es auch heller war. Wir hatten keine gute Taschenlampe dabei bzw. hatten wir zu Anfang gar keine Taschenlampe. Da hatte ich wirklich Angst.

Wir hatten auch von drinnen etwas gehört und wussten nicht, ob jemand drin ist. Man weiß dann ja auch nicht wer da drin ist. Sind es irgendwelche Drogensüchtigen, Alkoholiker oder Penner, will dir jemand was tun oder sind es vielleicht nur andere Fotografen. Ich hätte wirklich am liebsten gesagt, dass ich da nicht mit reingehe, aber man kann die andere Person ja auch nicht im Stich lassen. Dann wäre er allein drin gewesen und ich wäre alleine draußen gestanden und hätte trotzdem noch Angst gehabt. Man muss also schon seine Ängste überwinden können. Ich würde jetzt nicht irgendwo drei Meter runterspringen, weil ich genau weiß, dass ich mir dabei weh tue. Aber wenn es nur darum geht die Dunkelheit zu überwinden, dann muss man einfach wirklich sagen: „Ok, wir sind zusammen hergekommen und wir ziehen das jetzt auch zusammen durch.“

Man muss wirklich gut abschätzen können, mit wem man da hingeht. Wir hatten auch mal einen dabei, der ist nach 5 Minuten wieder gegangen. Er musste angeblich zu seinen Eltern, aber ich denke, er hatte Schiss. Und wenn du aber nur zu zweit bist und eine Person geht weg, dann ist halt auch für dich der Tag gelaufen.
Wir waren bislang jetzt nur in Tschechien oder hier in der Umgebung, aber ich habe jetzt einige Adressen in Thüringen und da fährst du halt erstmal ein paar Stunden. Wenn dann jemand sagt „Nein“, dann ist das halt echt Scheiße. Ich bin wirklich froh, dass ich mittlerweile verschiedene Leute habe, mit denen ich das machen kann. Und das ist schon cool, weil ich mich einfach nicht traue, alleine an verlassene Orte zu fahren. Da hätte ich Angst und könnte überhaupt nicht in Ruhe fotografieren. Da wäre ich unter Zeitdruck und die Fotos würden auch nichts werden.

 

Beate Kidd: Du hast eine Zeitlang oft schwarz/weiß (s/w) Bilder gemacht. Warum? Mittlerweile überwiegend ja Farbfotos.

Some Place Only We Know: Das ist eine gute Frage. Die ehrliche Antwort ist, dass ich noch kein Preset, das sind so Filter, gefunden habe, das mir für Lost Places wirklich gefällt. Es steckt aber noch wirklich mehr dahinter. Denn, wenn ich die Bilder in s/w haben wollen würde, dann würde ich mich schon hinsetzen und mir so ein Preset basteln.
Also s/w ist für mich schon irgendwie Nebel, weil Nebel alles mystischer macht. Aber das braucht ein Lost Place nicht, weil der das schon von alleine ist. Und die Bilder, die ich von Lost Places mit s/w mache, mache ich deshalb, um Licht und Schatten besser darstellen zu können. Das kommt aber nicht oft vor, weil das bei Lost Places auch in Farbe sehr gut machbar ist.

Mir ist bei verlassenen Orten die Farbe lieber. Das sind ja keine lebhaften Farben, sondern es ist eher hell gehalten. Auf den Fotos spiegelt sich schon eine düstere Stimmung, aber die Farben sind eher entsättigt. Mir gefallen da auch die Bilder von anderen Fotografen nicht, bei denen die Farben so extrem lebhaft rauskommen, das passt nicht dazu. Dadurch dass die Farben so entsättigt sind, sieht es aus, wie wenn da Staub drauf liegt und das tut es ja in echt. Es ist sowieso schon eine sehr erdrückende Stimmung. Die Bilder sind ja selten fröhlich. Du weißt genau, da ist etwas passiert. Warum steht das leer? Insolvenz? Oder ist jemand gestorben und es sind keine Nachfahren da? Du weißt auf jeden Fall, dass etwas passiert ist. Wenn ich s/w mache, ist mir das zu trist. Ich habs am Anfang ja gemacht, aber ich weiß nicht.

Ich habe eine bestimmte Vorstellung im Kopf, wie so ein Foto aussehen muss, hab es aber noch nicht zu 100% so getroffen. Mir gefallen meine Presets und Einstellungen, die ich gemacht habe, schon gut, aber es passt noch nicht ganz. Das ist noch nicht exakt das, wo ich hin will. Das kommt einfach mit der Zeit, dass man sich da selbst weiterentwickelt. Aber s/w ist da wirklich eher unpassend. Das kommt dann wieder, wenn ich Natur fotografiere oder Nebel, aber jetzt im Moment passt das nicht.

 

Beate Kidd: Freust du dich schon während des Fotografierens auf die Bilder?

Some Place Only We Know: Manchmal. Ich kann nie abschätzen, wie meine Fotos sein werden. Aber man merkt schon, wenn man ein total gutes Bild geschossen hat. Da will ich dann heim und das Foto auf den Computer laden und bearbeiten und du willst, dass die anderen darüber denken: „Oh Gott, wie geil!“ Am See hat man sich halt über die Wolken gefreut, über die Sonne, aber jetzt ist es ja so, dass man gar nicht weiß, was einen im nächsten Raum erwartet. Man kann auch nicht planen, wie lange man in einem Gebäude drinbleiben kann. Man weiß ja nie, ob nach einer Stunde die Polizei kommt oder der Hausmeister. Das heißt, du musst natürlich schon versuchen innerhalb kürzester Zeit die Stimmung einzufangen. Du musst dich auch auf so vieles konzentrieren. Du musst dich auf die richtige Kameraeinstellung konzentrieren, auf das achten, was um dich herum passiert, du musst aufpassen, dass du nicht in irgendein Loch fällst oder dass dir nicht die Decke auf den Kopf fällt. Du musst aufpassen, dass du niemandem im Bild stehst, weil es teils ja sehr eng ist. Du musst aufpassen, ob die Polizei kommt etc.

Es ist natürlich auch Adrenalin dabei, denn es ist ja etwas Verbotenes und es ist cool. Man hat das zuvor noch nicht gesehen und vielleicht hast du auch einen Lost Place gefunden, den zuvor generell noch nicht viele gesehen haben. Du weißt dann genau, dass jeder wissen will, wo das ist. Viele werden dir schreiben und dich fragen, wo das ist und dir sagen, wie cool das ist. Das sind alles so viele Eindrücke, die da auf einen einprasseln, aber ich versuche hauptsächlich den Moment zu genießen, den ich dort verbringen darf. Weil ich ja nicht weiß, ob ich wieder mal dahin zurückkomme. So wie ich letztens in einem Freizeitzentrum war – das wird jetzt abgerissen. Das muss man einfach versuchen zu bedenken, um dann Fotos zu machen, die Emotionen transportieren.

Es geht mir dann auch so vieles durch den Kopf. Das Schwimmbad dort ist in einem super Zustand, ich verstehe nicht, warum das abgerissen wird. Dann denke ich: „Warum wird das abgerissen? Was ist hier schon alles passiert? Wieviele Leute haben hier Schwimmen gelernt, wieviele waren hier regelmäßig schwimmen? Wie viele Leute sind traurig, wenn das abgerissen wird? Sind die Fotos gut? Was könnte ich noch fotografiren? Welchen Blickwinkel? Welches Detail?“ Das sind wirklich ganz unterschiedliche Gefühle, aber es ist auch so, dass ich mich dann nach dem Fotografieren trotzdem entspannt und glücklich fühle.

 

Beate Kidd: Das klingt jetzt aber schon nach einem Konzept.

Some Place Only We Know: Ja, ich denke schon, dass das mit den Lost Places jetzt das Richtige für mich ist. Ich mag Mystisches, Crime und so Verbrechenszeug. Ich spiele auch gern „Detektiv“. Das muss ich im Endeffekt ja auch machen. Ich habe kürzlich erst wieder 3 Stunden nach einem verlassenen Hotel gesucht, habe es dann auch gefunden, aber man muss schon sehr viel recherchieren und das macht mir großen Spaß. Und dieses Storytelling reizt mich auch sehr, aber das kann ich am See halt nicht wirklich machen. Da kannst du den See fotografieren, einen Baum, einen Vogel usw. aber du kannst auf Dauer keine wirkliche Geschichte daraus machen. Ich glaube, dass ich halt immer gedacht habe, dass ich mich nicht allein zu verlassenen Orten traue, aber auch mit niemanden zusammen fotografieren wollte und das hat mich davon abgehalten. Aber ich werde jetzt erstmal so weitermachen.
Für den Rest des Jahres habe ich garantiert noch für jedes Wochenende einen Lost Place wo ich hin kann und es ist ja so, dass man immer mehr über verlassene Orte erfährt, je mehr Leute man kennt. Ich habe mir daheim einen Ordner angelegt, da sind aktuell ca. 260 Screen-Shots drin, von Sachen die ich noch rausfinden muss, von denen ich die Koordinaten noch nicht oder nur teilweise habe. Es gibt ja auch in anderen Ländern tolle Lost Places: In Belgien, den Niederlanden, Frankreich etc. Da geht es halt auch überall voll ab. Da muss ich aber zuvor einfach mal gucken, wie die Polizei dort so drauf ist und da dann auch einfach mal hinfahren. Nach Berlin will ich auch, da gibt es ganz viele Lost Places, z. B. so Heilstätten. Oder auch in Leipzig gibt es einiges. Ich will das so machen, dass ich alle 1-2 Monate mal nach Berlin fahre -  bis ich da alles durchgemacht habe. Dann will ich auch hier in der Gegend noch schauen, was es da noch alles gibt. Ich weiß, dass es eine leerstehende JVA gibt, in die man reinkann. Da muss man halt zahlen dafür.

 

Beate Kidd: Und das darf man dann ganz offiziell?

Some Place Only We Know: Ja, da muss man sich dann anmelden. Ich habe unsere Fotogruppe auch für ein Volksbad angemeldet. Da fahren wir im Dezember hin. Das kostet ca. 100 Euro. Man bekommt den Schlüssel und kann dann dort fotografieren. Wir waren auch schon an anderen Orten, bei denen ich den Besuch ganz offiziell arrangiert hatte. Es gibt also schon Locations, die man anmieten kann. Aber es ist halt viel cooler, wenn du selbst den Eingang findest. Wie bei diesem Freizeitzentrum. Da sind wir schon einmal komplett drum herumgelaufen und haben keinen Eingang gefunden. Da war die Stimmung dann schon im Keller. Da fährt man schon eine Stunde hin und dann kommt man nicht rein. Wir sind aber doch mal in Richtung eines anderen Gebäudes gegangen und haben den Eingang dann gefunden. Es ist halt schon was anderes, als wie wenn man den Schlüssel hat und einfach reinspaziert. Wenn du allerdings einen Schlüssel hast, dann weißt du halt auch, du kannst 2-3 Stunden in Ruhe fotografieren.

 

Beate Kidd: Was fasziniert dich an diesen verlassenen Orten am meisten?

Some Place Only We Know: Am meisten fasziniert es mich, etwas, was auf den ersten Blick häßlich ist, schön darzustellen, Zeitzeuge zu sein und etwas für die Nachwelt aufheben zu können. Aber es ist mir auch wichtig, nachdenklich zu stimmen und aufmerksam zu machen, was eigentlich alles leer rumsteht. Oder auch das Geheimnisvolle. Etwas Verbotenes aufzuzeigen, weil man es nicht alltäglich sieht. Ich möchte auch zeigen, dass man sich Mühe gibt, solche Schätzchen zu finden und nicht nur einfach an den See fährt.

 

Beate Kidd: Du hast auch angefangen, Videos zu erstellen – mit wunderbarer Hintergrundmusik. Brauchst du lange für ein Video?

Some Place Only We Know: Die Videos, also diese Slideshows, die sind wirklich einfach. Wenn ich eine Slideshow mache, dann sind die Bilder schon bearbeitet und ich packe sie nur noch dort rein. Ich überlege mir die Animation – ohne Musik. Nehme eventuell nochmal Bilder raus, die mich stören. Das geht wesentlich einfacher als die Bilder so auf dem PC auszusuchen. Und dann kümmere ich mich um die Musik. Das ist das, was am längsten dauert. Es gibt ja Seiten im Netz, bei denen man sich freie Musik runterladen kann. Das Lied für die Geisterkirche heißt „Dämonen“ und da bin ich auch echt stolz darauf, dass ich das gefunden habe. Ich weiß zwar schon immer ziemlich genau, wie die Musik sein soll, aber das muss ich dann erstmal finden. Die Musik muss zu den Bildern passen, weil die Musik ja auch die Stimmung beeinflusst.  Manchmal ist die Musik zu fröhlich, zu traurig, da muss man einfach suchen.

 

Beate Kidd: Darf ich fragen, warum du das noch zusätzlich zu den Fotos machst?

Some Place Only We Know: Ich versuche ja nicht mehr als ca. 10 Fotos hochzuladen. Die Bilder von der Kistenfabrik habe ich auf sieben Alben verteilt. Ich weiß nicht, wie viele Leute sich die Zeit genommen haben, alle Bilder anzusehen. Deshalb habe ich jetzt nochmal die Slideshow gemacht, wo man sich 4 Minuten lang die Bilder mit Musikuntermlung ansehen kann. Bei der Geisterkirche konnte ich mich nicht entscheiden, welche Bilder ich hochladen sollte. Viele waren einfach gleich und haben dennoch etwas anderes ausgedrückt. Also dann eine Slideshow, da kann ich mehr Bilder reinpacken. Das Problem ist, dass sich nicht viele Leute so etwas ansehen. Es ist schon ein bisschen ärgerlich, weil man sich ja die Mühe gemacht hat und eventuell auch die Musikauswahl viel Zeit beansprucht hat. Aber ich habe mir jetzt einen YouTube Channel angelegt und werde da öfter mal was hochladen. Irgendwie muss man die Leute dazu bewegen, dass sie auch dort vorbeischaun. Ich werde mir auch noch überlegen, wie ich das genau machen will, damit man bei Facebook, YouTube, Storytelling etc. immer verschiedene Fotos zu sehen bekommt.
Richtige Videos zu drehen würde mich auch faszinieren. Da kenne ich mich aber überhaupt nicht aus und dazu ist meine Kamera auch nicht wirklich geeignet. Da müsste ich mir eine Videokamera kaufen und ich weiß nicht, ob ich da dann gut wäre, ob sich das lohnen würde. Ich mach schon auch mal Videos, aber die sind mit dem iPhone zu schlecht. Das wäre schon was, was mich noch reizen würde, aber da muss ich erstmal sehen, wie sich das noch weiterentwickelt.

 

Beate Kidd: Verkaufst du auch welche von deinen Bildern?

Some Place Only We Know: Generell ja. Allerdings habe ich bei den Lost Places ja nicht die Rechte dafür, denn das ist Privatgrund. Wenn ich nach Berlin fahre und dort fotografiere, darf ich die Bilder nicht verkaufen, das weiß ich. Ich muss einfach mal bei Buchveröffentlichungen zu Lost Places recherchieren, wie die das gemacht haben. Aber meine normalen Naturbilder verkaufe ich natürlich schon. Auch als Kalender oder nur so an Privatleute. Ich habe auch schon Bilder an den Landkreis hier verkauft. Da gibt es schon einige Möglichkeiten.

 

Beate Kidd: Wie geht es für dich weiter? Was hast du für Pläne?

Some Place Only We Know: Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Lost Places ist etwas, das man nicht so schnell wieder aufgibt. Viele machen das schon seit vier oder fünf Jahren. Natürlich muss ich als Fotografin, um Geld zu verdienen und bekannter zu werden, auch noch normale Naturbilder machen. Aber ich will mich nicht dazu zwingen, weil im Moment zieht es mich gar nicht dorthin.
Pläne sind auf jeden Fall für dieses Jahr noch Berlin und Leipzig, also legale Lost Places, die JVA würde mich sehr reizen. Dann möchte ich gerne nach Polen. Es gibt ja auch Veranstalter, die so richtige Reisen anbieten, z. B. auch nach Tschernobyl - was mich jetzt nicht so reizt. Ich habe keine Lust, sieben Tage mit Leuten unterwegs zu sein, die ich nicht kenne oder mit jemanden in einem Doppelzimmer schlafen zu müssen, den ich nicht kenne.
Aber es werden eben auch Reisen nach Polen angeboten - für zwei Tage in ein Schloß und auch andere Locations. In Görlitz gibt es noch eine verlassene Brauerei und ein leeres Internat. Es gibt schon genügend Sachen, die man legal machen kann und wo mich das noch alles hinführt, werde ich sehen.
Ob ich da irgendwie Geld damit verdienen kann, weiß ich nicht. Es kann sein, dass ein Gebäudebesitzer einen Fotografen bucht, um alles festzuhalten. Aber da brauche ich auch noch andere Objektive, die mit weniger Licht auskommen, da muss ich dann noch einmal etwas Geld investieren. Aber mal gucken, wo das noch hinführt.

 

Beate Kidd: Ich hoffe, dass wir noch sehr viele Bilder von dir zu sehen bekommen und wünsche dir viele weitere Lost Places, an denen du deine Liebe und Leidenschaft dafür, in vollen Zügen genießen und ausleben kannst.

 

Wer Interesse an den wunderschönen Naturbildern der Fotografin hat, kann sich gerne an mich wenden – ich stelle dann den Kontakt her.

 

Die Bilder zu den verlassenen Orten gibt es hier:
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